Camino Francés
Kurz vor meinem 40. Geburtstag steht meine Welt Kopf. Meine langjährige Beziehung, von der ich mir erhofft hatte, sie würde ewig halten, ist in die Brüche gegangen, und es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Doch irgendwie muss es weitergehen. Ich will nicht zu Hause rumsitzen und Trübsal blasen. Aus irgendeinem Grund denke ich an den Jakobsweg in Spanien.
Abenteuer Jakobsweg
Sechs Jahre zuvor, bei einer einjährigen Weltreise, war ich zusammen mit einer Freundin mit dem Fahrrad zwischen Pamplona und Santiago de Compostela unterwegs gewesen. Damals habe ich die Fußpilger beneidet. Mit dem Rad ging es mir viel zu schnell, und so etwas wie ein Pilgergefühl wollte sich damals nicht einstellen.
Die Pilger, die jeden Abend erschöpft die Herbergen erreichten, hatten alle dieses Leuchten im Gesicht.
Mit diesen schönen Bildern im Kopf entschließe ich mich aus einem Gefühl heraus, das Abenteuer Jakobsweg zu wagen.
Kurzentschlossen kaufe ich mir Wanderschuhe, buche den Flug nach Biarritz und packe meinen Rucksack. Irgendwie scheint der Rucksack zu klein geraten, obwohl er mit 50 Litern als passend für einen Fernwanderweg empfohlen wird. Ich packe ein, packe aus, sortiere um und aus. Zum Schluss wiegt mein Rucksack zwölf Kilogramm ohne Wasser. Das ist immer noch zu viel. Die Faustregel lautet, der Rucksack soll nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts wiegen. Nun ja, es wird schon gutgehen.
Das erste Mal alleine unterwegs
Schneller als gedacht bin ich in Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen, noch auf französischer Seite. Es ist das erste Mal, dass ich alleine unterwegs bin. Etwas verloren laufe ich durch den Ort. Die städtische Pilgerherberge mit Stockbetten ist nicht gerade einladend. Ich bin unruhig und will einfach los.
Am nächsten Morgen ist es so weit, und ich starte am Tor Saint Jacques meine 800 Kilometer lange Pilgerreise zum Grab des heiligen Apostels Jakobus.
Es gießt in Strömen, auf den Bergen liegt meterhoch der Schnee.
In der Herberge haben die Ortskundigen noch gewarnt, nicht über die Route Napoleon zu gehen, das wäre viel zu gefährlich. Daher wähle ich den Weg über die Landstraße, weniger steil, dafür umso länger. Je höher ich komme, desto kälter wird es, und neben mir türmen sich die Schneemassen. Es ist so windig, dass mir mein kleiner Schirm, der mich wenigstens ein wenig vor dem seitwärts prasselnden Regen schützen soll, ständig um die Ohren fliegt. Kaum hat die Reise angefangen, kommen mir Zweifel, und ich frage mich, was ich hier eigentlich tue.
Pilgern will gerlernt sein
Meine Wanderschuhe sind neu, und das Einlaufen gestaltet sich als sehr schmerzhaft. Bald bilden sich die ersten Blasen an beiden Fersen, und selbst die Fußsohlen bleiben nicht verschont. Mein Rucksack, in den ich zusätzlich noch 1,5 Liter Wasser gepackt habe, drückt unangenehm auf Schultern und Hüfte.
In Gedanken habe ich mir das Pilgern schöner vorgestellt.
Als ich in Roncesvalles ankomme und spanischen Boden erreiche, gönne ich mir statt einer Herberge den Luxus eines Hotelzimmers mit Badewanne. Eine gute Entscheidung – ich genieße den Komfort.
Körper und Geist stellen sich aufs Pilgern ein
Nach der ersten Woche sind die Blasen fast alle wieder weg. Die Schuhe sind mittlerweile eingelaufen und richtig bequem, mein Körper gewöhnt sich an die täglichen 20 bis 25 Kilometer Laufleistung. Am Anfang meiner Pilgerschaft ist mir meine Privatsphäre wichtig, gerade auch in Bezug auf meine Unterkünfte. Ich nehme Zimmer in Pensionen oder kleinen Landhäusern in Anspruch. Dort zahle ich deutlich mehr als in den günstigen Pilgerunterkünften, doch ich brauche diese Zeit für mich und für mein Wohlbefinden.
Alleine reisen ist nicht immer einfach. Vor allem ohne Begleitung in ein Restaurant zu gehen, ist für mich in den ersten Tagen sehr ungewohnt.
In Puente la Reina habe ich schon knapp 90 Kilometer in den Beinen. Zeit für eine Entscheidung: Ich suche ein Postamt auf und schicke einen Teil meines Gepäcks nach Hause. Unter anderem ein zweites Paar Schuhe, das ich eigentlich für abends eingepackt habe. Doch die letzten Tage haben mir gezeigt, dass das unnötiger Ballast ist, von dem ich mich jetzt entledige.
Buntes Treiben in den Herbergen
Ab Puente la Reina, dem Ort mit der wunderschönen Brücke, ändere ich meine Reisegewohnheiten und suche nach Übernachtungsmöglichkeiten in den sogenannten Albuerges, wie die Pilgerunterkünfte auf spanisch genannt werden. Hier herrscht ein buntes Treiben. Ich lerne andere Pilger kennen, wir kochen zusammen und tauschen uns aus.
Das Geheimnis des Jakobsweges
Wie wohl es tut, von den anderen zu erfahren, dass auch sie anfangs mit Schmerzen gelaufen sind. Oder die Gründe ihrer Pilgerschaft kennenzulernen. Trennungen sind neben schweren Erkrankungen oder dem Tod geliebter Menschen einer der häufigsten Gründe, sich auf Pilgerschaft zu begeben. Neben der Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens natürlich.
Mittlerweile macht mir das Pilgern immer mehr Spaß. Tagsüber laufe ich gerne alleine, doch nachmittags oder abends treffe ich in den Herbergen altbekannte Gesichter.
Das Reduzieren aufs Wesentliche, schlafen, essen und gehen, und die feste Struktur lassen meinen Geist zur Ruhe kommen.
Ich denke zwar viel nach über das, was war und auch, wie es weitergeht, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber irgendwie stellt sich so ein Gottvertrauen ein. Immer wieder zeigen mir die netten Begegnungen mit anderen Pilgern, dass ich nicht alleine bin. Ich spüre für mich, dass wir alle auf eine gewisse Art und Weise verbunden sind und die gleichen Bedürfnisse haben.
Das Salz in der Suppe
Der Austausch mit den Pilgerinnen und Pilgern ist etwas ganz Besonderes. Es ist das Salz in der Suppe und macht diesen Weg so einzigartig. Denn sicher ist der Jakobsweg nicht der schönste Weg der Welt. Oft führt die Strecke durch Industriegebiete, viele Kilometer verlaufen auf asphaltierten Wegen oder entlang vielbefahrener Straßen.
Wer nur ein schönes Wandererlebnis sucht, wird sich für einen anderen Weg entscheiden. Das Geheimnis des Jakobsweges liegt in seiner ganz besonderen Atmosphäre. Allein der Gedanke an die vielen tausend Pilger, die vor mir auf diesem Weg waren, hier ihr Heil gesucht haben, um Vergebung baten, ihre Nöte mit auf den Weg gebracht haben, berührt mich.
Ich lerne die Meseta lieben
Vor der Meseta, der kargen Hochebene zwischen Burgos und León, die ich nach 280 Kilometern erreiche, haben mich im Vorfeld viele Pilger gewarnt. Eine eintönige, endlose Weite erwartet mich. Ich bin im April unterwegs, und mir macht nicht unbedingt die Hitze, sondern vor allem der Wind zu schaffen. Doch das gleichmäßige Gehen durch diese Einöde macht mich ruhig, und es fühlt sich wie eine lang andauernde Meditation an. Für mich wird die Meseta zu einem der besten Abschnitte des gesamten Weges.
Kurz vor León, in der Herberge in Boadillo del Camino, lerne ich Ines und Claudia aus Berlin kennen. Wir freunden uns an und treffen uns fortan jeden Abend in einer Herberge. Manchmal gesellen sich noch andere hinzu und wir kochen gemeinsam, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
Nach den Pyrenäen gleich am Anfang des Camino Francés und nach der Meseta stehen zwei weitere Herausforderungen an.
Zuerst geht es hinauf zum Cruz de Ferro, dem Eisenkreuz, der höchste Punkt dieses Jakobswegs, den ich nach 530 Kilometern erreiche. Für viele Pilger ein besonderer Platz: Hier legt man einen Stein ab, den man aus der Heimat mitgebracht hat. Im Mittelalter stand der Stein für die zurückgelassenen Sünden, heute kann er für etwas stehen, das man loslassen möchte.
Hinauf nach O Cebreiro
Der zweite Pass führt nach O Cebreiro. Hier war ich auch während meiner Fahrradweltreise. Damals regnete es in Strömen und es herrschte Weltuntergangsstimmung. Diesmal habe ich Glück. Bei angenehmen Temperaturen laufe ich durch die wunderschöne Landschaft bis zum Musemsdorf O Cebreiro.
Hier stehen noch jede Menge Pallozas, strohgedeckte Häuser der Keltiberer aus vorrömischer Zeit. Pfarrer Elías Valiña Sampedro wirkte vor Ort in der Kirche Santa Maria, der ältesten Pilgerkirche am Jakobsweg. Sampedro war es, der den Jakobsweg erstmals mit den berühmten gelben Pfeilen markierte.
Im Pilgerflow
Fast ist das tägliche Gehen, die Begegnungen, die innere Einkehr tagsüber auf dem Weg zu etwas Alltäglichem, aber Schönem geworden.
Ich fühle mich einfach wohl, das Leben ist so einfach geworden.
Das Zuhause weit weg, alle Probleme zwar noch vorhanden, aber nicht mehr so schwer. Ich habe das Gefühl, ich könnte ewig so weitergehen, ich befinde mich im „Pilgerflow“.
Die letzten 100 Kilometer vor Santiago werden etwas belebter. Mehr und mehr Gruppen sind unterwegs, die ab Sarria starten, um die Compostela, die Pilgerurkunde, zu erhalten. Die Pilger, die wie ich schon länger unterwegs sind, werden bewundernd angeschaut und mit Komplimenten bedacht. Wie gut, dass mich niemand von ihnen in der ersten Woche gesehen hat, denke ich mir insgeheim.
Ankunft in Santiago
Je näher ich Santiago komme, desto aufgeregter werde ich. Neben einem der großen drei Wallfahrtsziele der christlichen Welt ist Santiago auch eine Großstadt mit knapp 100.000 Einwohnern. Dementsprechend bin ich auf den letzten Metern im Trubel der Stadt entlang vielbefahrener Straßen unterwegs.
In der Altstadt bedarf es keiner Wegzeichen mehr, ich folge nur den Strömen von Pilgern, die mich zum Praza do Obradoiro leiten, dem sogenannten schönsten Platz der Welt. Er gibt den Blick frei auf die Kathedrale von Santiago de Compostela, dem Ziel meiner Pilgerreise. Kurz zuvor auf dem Monte Gozo, dem Berg der Freude, konnte ich schon die Türme der Kathedrale sehen.
Ich könnte die Welt umarmen
Jetzt stehe ich zum zweiten Mal in meinem Leben vor der Kathedrale und bin unendlich glücklich, dass ich es zu Fuß geschafft habe.
Fünf Wochen war ich für die Strecke von 800 Kilometern unterwegs.
Auf dem Platz sammeln sich die Pilger aus aller Welt, viele von ihnen habe ich auf dem Weg kennengelernt. Ich bin überwältigt von diesem Augenblick. Es ist ein solches Glück, ich könnte die ganze Welt umarmen.
Autorin: Beate Steger