Camino Portugues

Sechs oder sieben Wochen Zeit für den Jakobsweg? Das können sich viele Berufstätige nicht leisten. Der Camino Portugués bietet eine Alternative: Von Porto aus lässt sich Santiago de Compostela in etwa zwei Wochen erreichen – auf einem Weg voller Natur, Geschichte und überraschender Begegnungen.

Wer pilgert, braucht Zeit, und viele Menschen, die im Berufsleben stehen, können keine sechs oder sieben Wochen aussteigen und zum Pilger werden, wie das etwa für den Camino Francés notwendig ist. 

In zwei Wochen nach Santiago

Eine Alternative ist der Camino Portugues, kann er doch von Porto aus in zwei Wochen bis Santiago de Compostela gelaufen werden. Wer sich mehr Zeit nehmen möchte, hat die Möglichkeit, Abstecher zu reizvollen Städten, die nicht unmittelbar am Weg liegen, zu machen oder den Weg über Santiago hinaus bis Muxía und dem Cabo de Finisterre zu verlängern. So können rund 370 Kilometer Wegstrecke zusammenkommen.

Auch ein Start in Lissabon ist möglich. Aber die reizvollere und auch infrastrukturell besser ausgestattete Wegstrecke ist die ab Porto. 

Die Menschen, die hier zusammenkommen, reisen aus aller Welt an. Selbst Australiern ist die Reise nicht zu weit. Als ich den Camino Portugues gelaufen bin, fielen mir vor allem die vielen jungen Leute auf, die sich Santiago zum Ziel gesetzt hatten.

Porto - eine Stadt voller Leben

Es ist lohnend, sich am Anfang des Weges Zeit für Porto zu nehmen – eine prächtige Stadt voller Leben, wie man vor allem abends am Ufer des Flusses Douro sehen kann, eine Stadt, deren historisches Zentrum UNESCO-Weltkulturerbe ist. 

Einen Traumblick über die Stadt bietet die Kathedrale von Porto, in der ich mir den ersten Stempel im Pilgerpass holte. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und verfügt über einen großartigen Hauptaltar aus der Barockzeit sowie einen beeindruckenden gotischen Kreuzgang mit für Portugal so typischen Kacheln. Eine Statue des San Tiago, des heiligen Jakobus, zeigte mir, wohin mein Weg führen sollte.

Als ich aufbrach, ließen die ersten Sonnenstrahlen den Douro glänzen. Eine einheimische Frau begrüßte mich mit einem fröhlichen „Bom Caminho“. Mich berührte das. Meine Pilgerreise hatte nun wirklich begonnen. Mein Weg führte mich am Douro entlang bis zum Atlantik, an dem ich die nächsten eineinhalb Tage meist in einer Dünenlandschaft entlanglief – eine traumhaft schöne Strecke, die nur in einem Abschnitt an einer Raffinerie entlang und durch das eher hässliche Hafenstädtchen Matosinhos führt. 

Aber wer pilgert, weiß, dass der Weg, den man geht, wie das Leben ist: Nicht alles ist schön, und nicht immer scheint die Sonne.

Herrliche Natur, himmlische Ruhe

Viele – vor allem junge – Pilger laufen von hier weiter am Meer entlang nach Norden. Ich entschied mich, eine andere Route zu gehen und zog es vor, in Vila do Conde ins Landesinnere auf den „klassischen“ Jakobsweg abzubiegen. Dieser Weg hat unglaublich viel zu bieten: herrliche Natur, eindrucksvolle alte Dörfer und Städte und über große Teile eine himmlische Ruhe. 

Wer in die Landschaft eintaucht, die einen dort umfängt, kann viel entdecken. Vieles davon mag klein sein, unscheinbar und doch wunderschön. 

„Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blick – wenig macht die Art des besten Glücks“, schrieb Friedrich Nietzsche.

Der Camino offenbart, wie recht der Philosoph hat.

Morgenstimmung

Es ist vor allem der Morgen, der mich als Pilger ganz besonders gefangen nahm und in seinen Bann zog. Wenn die ersten Sonnenstrahlen taufrisches Gras zum Glitzern bringen, das Spiel von Licht und Schatten in den Bäumen beginnt und eine noch kühle Brise zum Begleiter wird, dann weiß man nicht, was schöner ist: stehen zu bleiben, um dieses Naturschauspiel zu betrachten, oder die Leichtigkeit auszunutzen, mit der man sich vorwärtsbewegt.

Es sind alle fünf Sinne des Menschen, die der Weg beansprucht. „Die fünf Sinne“, schrieb der Theologe und Philosoph Meister Eckhart vor 700 Jahren, „sind die Stiegen, auf denen die Seele hinausgeht in die Welt und auf denen die Welt zur Seele geht.“ So geht auch der Blick des Pilgers auf dem Jakobsweg nach außen und nach innen.

Lohnend: die klassische Variante im Landesinnern 

Es ist so vieles an gebauter Umwelt, was auf den Pilger wartet. Im eher unscheinbaren Rates mit mittelalterlicher Atmosphäre empfand ich die romanische Kirche Sao Pedro de Rates als Kleinod. Ihr Erscheinungsbild aus der Zeit des Baus im 13. Jahrhundert ist nahezu unverändert geblieben. Sie entstand, als sich das zugehörige Kloster unter dem Priorat der Abtei von Cluny befand.Auf einer mächtigen gotischen Brücke gelangte ich ins idyllisch gelegene Barcelos, Schauplatz eines „Hühnerwunders“.

Spuren der Römer

Nördlich von Barcelos werden die Spuren aus der Römerzeit immer deutlicher. Der Jakobsweg verläuft großenteils auf der Trasse der Via Romana XIX. Erstmals sichtbar wird dies im schönen Städtchen Ponte de Lima, von wo ich einen zweiten Tagesausflug ins mittelalterliche Viana do Castelo unternahm. Die Stadt liegt an der Küstenweg-Variante des portugiesischen Jakobswegs. Vor allem lohnend ist der Besuch der Basilika Santa Luzia hoch über der Stadt mit einem atemberaubenden Panoramablick über den Atlantischen Ozean.

Immer wieder führt der Jakobsweg durch vom Weinbau geprägte Landschaften, die an die Toskana erinnern. 

Idylle pur ist es, unter Weinlauben zu laufen und den Blick über die umliegenden Hügel streifen zu lassen. Dann sind es wieder Eukalyptuswälder, durch die der Weg führt, die an das nahe Galicien erinnern.

Letzte Station in Portugal: Valença 

Valença ist die letzte portugiesische Stadt, von deren Festung der Blick über das Tal des Rio Miño hinüber zum spanischen Tui streift. Über den Fluss führt eine eindrucksvolle internationale Brücke, deren spanischer Architekt sich vom Eiffelturm inspirieren ließ. 

Der portugiesische „Caminho“ wird hier zum spanischen „Camino“, der Pilgergruß vom „Bom Caminho“ zum „Buen Camino“. 

Schon von Weitem sichtbar ist die imposante Kathedrale, die einer Festung gleicht und diese Funktion im Mittelalter auch erfüllt hat. Das malerische Tui hat eine lange Tradition als Bischofssitz, die bis ins 5. Jahrhundert zurückreicht. Vielleicht hat diese Tradition damit zu tun, dass hier der Apostel Jakobus gepredigt haben soll.

Sehenswert: Pontevedera

Zu den herausragenden Zielen am Weg zählt die Stadt Pontevedra. Unter ihren Kirchen verdient das Sanktuarium de Virxe Peregrina als Hauptattraktion eine besondere Erwähnung. Der Grundriss der Kirche gleicht einer Jakobsmuschel. Das Altarbild stellt die Jungfrau Maria im Pilgergewand dar. Sie gilt als Schutzpatronin auf diesem Jakobsweg.

In Pontevedra haben die Fußgänger die Innen- und Altstadt zurückerobert. Auf den Straßen und Plätzen spielen Kinder, Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein. Die Stadt ist auch das Ziel von Stadtplanern und Kommunalpolitikern aus aller Welt, die ein funktionierendes Beispiel einer neuen Mobilitätspolitik kennenlernen wollen.

Thermalquellen in Caldas de Reis

Das Städtchen Caldas de Reis war schon in römischer Zeit wegen seiner Thermalquellen beliebt. Und in der Tat: Es tut gut, nach vielen Kilometern die geschundenen Füße in das warme Thermalwasser einzutauchen! Ein besonderes Erlebnis schloss sich hier für mich an: Vor der palmenumsäumten Kirche sang am Abend ein Mann mit kräftiger Stimme das Ave Maria.

Der spirituell wichtigste Ort am portugiesischen Jakobsweg ist das eng mit dem Apostel Jakobus verbundene Padrón. Diesen Ort musste ich mir erst durch eine Tagesetappe im strömenden Regen „verdienen“. 

Über 100 Stufen führen hinauf auf den Santiaguino do Monte, wo der Apostel seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten haben soll. 

Es war für mich ein magischer Ort mit einer besonderen Kraft. Vielleicht hat dazu auch beigetragen, dass genau in dem Moment, als ich oben ankam, die Sonne versuchte, durch die mächtigen grauen Wolken am Himmel zu dringen … 

Ein Stein mit Geschichte

In Padrón soll der Leichnam des Apostels, der in Jerusalem nach seiner Rückkehr von der Iberischen Halbinsel den Märtyrertod gestorben war, an Land gebracht worden sein. Unter dem Altar der Jakobuskirche befindet sich ein Stein, an dem das Schiff mit dem Leichnam festgemacht worden sein soll. Auf einem Ochsenkarren soll der Leichnam von hier aus an einen Ort gebracht worden sein, aus dem später Santiago de Compostela entstanden ist. Während „Santiago“ für „heiliger Jakob“ steht, wird „Compostela“ unterschiedlich gedeutet: zum einen als „Sternenfeld“, zum andern als „Friedhof“.

Das Ziel aller Pilger ist die imposante Kathedrale mitten in der Altstadt von Santiago. Auf dem Obradoiro-Platz vor der Westfassade strömen die ankommenden Pilger jeden Tag zusammen. 

Vielleicht gibt es keinen anderen Platz auf der Welt, auf dem gleichzeitig so viel gelacht wird, Freudentränen vergossen werden oder Menschen einfach sprachlos glücklich sind!

Das Äußere der großartigen Kathedrale von Santiago verfügt über eine bemerkenswerte Symbolsprache. Das Hauptportal, der Pórtico de la Gloria, erstrahlt nach zehnjähriger Sanierung in neuem Glanz. Dieses Portal und viele weitere Besonderheiten laden zum Verweilen ein. Über dem Südportal befindet sich das Christuszeichen mit dem Alpha und Omega. Anders als üblich stehen das Omega links und das Alpha rechts. Es soll dem Pilger sagen, dass sein Weg an der Kathedrale von Santiago nicht zu Ende ist, sondern zurück führt in sein Leben …   

Autor: Gottfried Jung

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