Die Bienenflüsterin
Hund Iskko wedelt mit dem Schwanz. Fröhlich springt der Mischling ins Auto. Er darf mal wieder mit hinaus zu den Bienen, gemeinsam mit Hobby-Imkerin Katrin Brodowski. Nicht weit von ihrem Wohnort entfernt stehen ihre fünf Bienenvölker. Die summenden Tiere finden hier – mitten im Bienwald (wie das Gebiet passend heißt) – optimale Bedingungen: Wiesen mit alten Obstbäumen und vielen Wildblumen, darunter sogar seltene Orchideen.
Beim Imkerkollegen gelernt
Seit fünf Jahren ist Brodowski Imkerin. Unterstützt von einem erfahrenen Imkerkollegen aus dem Bienenzuchtverein hat sie alles Nötige gelernt. „Ich wollte auf keinen Fall etwas falsch machen“, erzählt sie. „Schließlich sind die Bienen Lebewesen, für die man Verantwortung trägt.“
Auch der heutige Besuch hat mit der Sorge für die Bienen zu tun. Die 39-jährige Imkerin überprüft, ob bei ihrem größten Volk die neue Königin vom Hochzeitsflug zurückgekehrt ist und bereits kleine, weiße Eier („Stifte“ nennt sie der Imker) legt.
Im Mai und Juni schwärmt ein Teil des Bienenvolkes und sammelt sich für einige Stunden außerhalb des Stocks in einer Traube. In dieser Zeit sollte es der Imker einfangen und ihm eine neue Behausung zuweisen – sonst ist der Schwarm auf und davon.
„Keine gute Zeit, um in Urlaub zu fahren“, sagt Brodowski. Denn auch das verbliebene Volk ist in Gefahr, wenn die Königin nicht zurückkehrt und es keine weitere Königin gibt: Setzt der Imker nicht rechtzeitig eine fremde Königin zu, sterben die Bienen.
Am Brummen erkennt die Imkerin, wie es den Bienen geht
Es war vor allem die Liebe zu Tieren, die Katrin Brodowski auf die Idee brachte, Imkerin zu werden. „Ich las vom Bienensterben und auch davon, welche Bedeutung Wild- und Honigbienen für Natur und Mensch haben“, erzählt sie. Sie wollte etwas für die Umwelt tun. „Meine Mutter lachte über meine Idee, Imkerin zu werden, denn als Kind erschrak ich schon mal vor größeren Brummern.“ Doch heute liebt sie ihre Bienen. „Meist sind sie ja ganz friedlich“, sagt Katrin Brodowski.
„Wenn meine Mädels einen schlechten Tag haben, merke ich das sofort.“
Ist es schwülwarm und geben die Tiere einen höheren Summton von sich, fährt sie lieber wieder heim.
Es duftet nach Honig
Heute jedoch bleibt das Brummen beim Öffnen des Bienenstocks satt und dunkel. Ein süßer Honigduft steigt auf. Aus einem Stockwerk des Bienenzuhauses („Beute“ genannt) zieht Katrin Brodowski Wabe um Wabe heraus. In die Holzrahmen hat die Imkerin vorgestanzte Wachsplatten gelötet, die die Bienen für den Bau des Brutnests und die Lagerung von Pollen und Honig nutzen. Einige Waben sind reich besetzt mit Sechsbeinern. Darunter schimmert es: Honig.
Die männlichen Bienen
In einem anderen Stockwerk findet die Imkerin Brutzellen mit Bienenlarven. „Und da haben wir ja die Männerwelt“, sagt sie und deutet auf einige größere Tiere, die zwischen fleißigen Arbeitsbienen herumkrabbeln. Drohnen, wie die etwas tolpatschigen männlichen Bienen genannt werden, können nicht stechen.
Arbeit ist auch nicht ihr Ding: Sie lassen sich lieber füttern.
Ihre große Stunde kommt erst beim Hochzeitsflug. Dann geben sie die Gene des eigenen Volkes an eine fremde Königin weiter – und sterben. Wer nicht auf diese Weise sein Leben lässt, wird von den Arbeiterinnen im Spätsommer in den Tod getrieben. Klingt grausam. „Aber alle, die nicht arbeiten wollen, kann das Volk im Winter nicht brauchen“, erklärt Katrin Brodowski.
Ein Bienenstaat ist Demokratie
Jedes Tier hat seinen Platz im Volk. Auch die Königin („Weisel“ genannt) ist ein Arbeitstier: Sommers legt sie bis zu 2000 Stifte am Tag. Zudem gibt sie Duftstoffe ab, die das Volk zusammenhalten, ein „Wir“-Gefühl schaffen. Das Sagen hat sie aber nicht allein: Schwärmt sie mit einem Teil des Volkes, so entscheiden die Bienen gemeinsam über ein neues Zuhause. Ein Bienenstaat ist eine Demokratie, keine Monarchie.
Heute sind weder die junge Königin noch frische Eier zu sehen. Die Imkerin wird ihre Bienenvölker in den nächsten Tagen also weiter überprüfen und sucht dabei auch nach Zellen für neue Königinnen – ein Hinweis darauf, ob mit weiteren Schwärmen zu rechnen ist.
Fahrlässig, den Honig im Stock zu lassen
Zum Imkern gehört auch die Ernte des Honigs. „Ich höre manchmal: ,Böse Imkerin, die nimmt den Bienen den Honig weg!' Aber es ist grob fahrlässig, den Honig im Stock zu lassen“, erklärt sie. Die Tiere seien vielfach auf hohen Ertrag gezüchtet. „Nimmt der Imker nicht einen Teil des Honigs heraus, verhärtet dieser. Die Bienen können ihn dann nicht mehr fressen“, erzählt sie. „Der Honig nimmt ihnen nur Raum weg, den sie im nächsten Frühling für den Ausbau ihres Brutnestes und neuen Honigeintrag benötigen.“
Das Imkern entspannt
Im Sommer geht es wieder ans Honigschleudern. In ihrem besten Jahr hat sie von einem Volk 35 Kilo ernten können: „Wenn man Gläser mit eigenem Honig in Händen hat, ist das toll.“ Vor allem aber sei es ein schönes Gefühl, für die Bienen zu sorgen und sie zu beobachten. „Man muss genau hinschauen und sich in das Leben der Tiere einfühlen“, erklärt sie.
In letzter Zeit interessieren sich wieder mehr junge Leute für das Imkern, sogar in der Großstadt. Das Hobby beruhige und schaffe Abstand zum stressigen Alltag, meint Katrin Brodowski.
„Wenn ich genervt und gestresst bin, merken das die Bienen. Dann werden sie unruhig und das ist unangenehm.“
Also versuche sie, ruhig zu den Bienen zu fahren. Und als sie die Stockwerke der Beute nach dem Kontrollieren wieder zusammensetzt, wird deutlich: Die Arbeit entschleunigt. Mit etwas Rauch verjagt die Imkerin die Bienen vom Rand und der Oberseite, schiebt mit dem Finger ein Insekt zur Seite. Vorsichtig werden die Kästen aufeinander gesetzt. „Es sind Geschöpfe. Achtsamkeit und Respekt sind gefragt“, sagt sie. „Wenn ich alles sorgfältig erledige, bin ich gelassen und zufrieden."
Autor: Hubert Mathes