Ein Altersheim für Tiere
„Unsere Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen“, erzählt Jan Gerdes und lacht. „Bei uns dürfen die Mutterkühe ja auch ihren Nachwuchs großziehen. Da sieht man schon: Sohnemann Mattes steht beispielsweise voll unter Mama Dinas Pantoffel, der darf nichts alleine machen. Selbst mit seinen sieben Jahren ist er quasi immer noch im Hotel Mama zuhause. Ganz anders beim Martin. Dessen Mutter hat recht früh schon gesagt: Du bist groß, ich will mein eigenes Leben leben, nun geh mal in die große, weite Welt.
Eine Kinderstube im Altenheim, wie passt das zusammen?
„Nun ja, Kühe sind in der Regel nicht wirklich alt, wenn sie zum Schlachter geschickt werden, sondern nur fünfeinhalb bis sechs Jahre. Da ist der Zahnwechsel gerade einmal abgeschlossen, also die Kindheit“.
Ein schönes Leben für die Kühe
Landwirt Gerdes hat selbst vor 15 Jahren die Milchviehwirtschaft aufgegeben. Davor hatte er 20 Jahre lang alles erlebt und begleitet: Den konventionellen Betrieb seines Vaters, den er zwei Jahre nach Übernahme Anfang der 80er auf Bio-Landwirtschaft nach den strengen Richtlinien des Demeter-Verbandes umstellte. Jan Gerdes wollte seinen Kühen ein schönes Leben bieten. Die Fenster und Türen der Ställe wurden größer, damit mehr Licht und Luft hereinkam, er schuf mehr Platz, besorgte bessere Einstreu.
„Meine Hoffnung war, den Tieren hier ein artgerechtes Leben zu ermöglichen: glückliche Tiere, die man dann nachher auch mit gutem Gewissen schlachten darf“, sagt er.
Doch je mehr er sich in die Tiere hineinversetzte, desto schwerer fiel es ihm, sie nach Ende ihrer Nutzzeit zum Schlachter zu schicken. „Wenn man sie genau kennt, dann sieht man schon die Angst in ihren Augen. Es sind ja Herdentiere.
Die Angst in ihren Augen
Sobald sie von der Herde getrennt werden, ist der gefühlte Schutz weg. Und damit kommt die Angst vor dem Tod. Das mitzuerleben, hat mir wehgetan. Am Anfang hieß es: Damit muss man leben, das machen alle so, reiß dich zusammen. Man will ja auch kein Weichei sein.
„Irgendwann überwiegt das Gefühl, dass das alles nicht richtig ist.“
Jan Gerdes hatte zu oft Mutterkühe nach ihren Kälbern rufen hören, die direkt nach der Geburt mit einer Schubkarre weggebracht wurden. „Nachts kann man ihre Stimme teils kilometerweit hören, auch durch Betonwände. Wenn man damit groß wird, dann heißt es: Das gehört sich so, da müssen sie durch, dazu sind sie da. Man macht das Fenster zu und stellt den Fernseher lauter“, erzählt Gerdes und man kann die Trauer in seiner Stimme richtig spüren.
„Am Anfang habe ich meine Gefühle abgestellt, aber von Jahr zu Jahr merkte ich immer mehr, dass das nicht geht."
„Es kommt der Punkt, an dem man mitleidet. Dann grübelt man die ganze Nacht.“
Jan Gerdes fasste einen Entschluss. 2001 stellte er seine Ernährung auf vegan um, wollte die Tierhaltung aufgeben.
Ein großer Hof und zwei Ferienwohnungen
Zu dieser Zeit begegnete er zufällig bei einer Kur seiner heutigen Lebenspartnerin, der Tierpsychologin Karin Mück. „Wir waren die einzigen beiden, die mit der Ernährung dort nicht wirklich zurecht kamen und versucht hatten, andere Nahrungsmittel außerhalb der Kurküche zu besorgen. Zu dieser Zeit lebten wir beide jeweils von unseren vorherigen Partnern getrennt. Karin war gerade auf der Suche nach einer neuen Wohnmöglichkeit, ich hatte einen großen Hof und zwei Ferienwohnungen. Also bot ich ihr an, erst einmal einzuziehen – und dann würden wir sehen, wie’s kommt. Gemeinsam haben wir überlegt: Was können wir an diesem – für uns beide bis dahin unbefriedigten – Leben machen?“
Tränen in den Augen
Als die letzten Verträge mit der Landwirtschaftskammer, Genossenschaften und anderen Bauern abgewickelt waren, kam schließlich der Tag im Frühjahr 2003, als alle Tiere, die auf dem Hof standen, abgeholt werden sollten.
„Mir standen die Tränen in den Augen, als die ganze Kuhherde verschwand. Doch zwölf passten nicht mit auf den Laster. Da kam mir die Idee: Diese zwölf, das schaffen wir. Die können als Haustiere hier bleiben, die sollen niemals geschlachtet werden. Während die anderen vom Hof fuhren, habe ich das den Verbliebenen versprochen. Wir hatten ja Einnahmen durch die Ferienwohnungen, die hier an der Nordsee immer gut gebucht sind."
„Tatsächlich kamen immer mehr Menschen, die es toll fanden, dass wir uns um die Kühe kümmerten.“
Die ersten Spenden flossen, größere Summen wurden angeboten, jedoch gegen Spendenbescheinigung. Also beschloss Jan Gerdes, sein gesamtes Vermögen in eine Stiftung für den Tierschutz zu stecken. Sein Engagement wurde deutschlandweit bekannter und ein Tierschutzverein, der ein ähnliches Projekt leider nicht mehr finanzieren konnte, bat ihn, ihre alten Kühe mit aufzunehmen. So wuchs die Herde wieder an.
Schönes, buntes Hofleben
„Wir haben hier Kapazitäten, 40 Hektar auf dem Hof. 40 Hektar, 40 Kühe – das ist ein sehr gutes Verhältnis. So haben alle genug Platz, im Stall sind die Tiere vernünftig untergebracht, es wächst so viel Gras, dass man auch Heu machen kann für den nächsten Winter.“ Die Gemeinschaft wuchs noch weiter.
„Heute haben wir 41 Kühe, fünf Pferde, vier Schweine, vier Kaninchen, drei Hunde, vier Katzen, diverse Gänse und Hühner – insgesamt rund hundert Tiere hier: ein schönes, buntes Hofleben“, schildert Gerdes. „Die Hühner und Gänse laufen überall herum, bei den Schweinen passt das nicht so gut. Die zwei Minischweine können auch überall hin, aber die großen Mastschweine, ein paar hundert Kilo schwer, würden auch einfach mal schnell den Kaffeetisch umkippen, wenn sie darunter Essbares vermuten.“
Würdevoller Lebensabend
Für einen würdevollen, schönen Lebensabend brauchen die Tiere viel Zuwendung. Das bekommen sie von Jan Gerdes, Karin Mück und ihren beiden Mitarbeiterinnen. Tagein, tagaus, bei Wind und Wetter helfen sie auch schwachen, kranken Tieren.
„Ein Sorgenkind ist gerade eine ganz alte Kuh, die Lady Welle. Sie hat seit Tagen nichts gefressen."
„Diverse Male war der Tierarzt da, zwischendurch hat ihre Pansentätigkeit versagt. Jetzt scheint es ihr aber doch wieder besser zu gehen“, erzählt Gerdes mit einer Mischung aus Besorgnis und Erleichterung. Diese Kuh ist 19 Jahre alt. „Es heißt, dass Kühe 25 bis 30 Jahre alt werden können, aber da wir es hier mit extrem hochgezüchteten Arten zu tun haben, ist die reale Lebenserwartung doch deutlich geringer. Sie sind gesundheitlich einfach nicht so stabil“, erklärt Jan Gerdes.
Urlaub haben er und Karin nicht gemacht, seitdem sie sich kennengelernt haben. Für die beiden ist das in Ordnung. „Ich liebe die Vielseitigkeit meiner Arbeit, und die Dankbarkeit, die von den Tieren zurückkommt. Dieses Vertrauen spürt man schon“. Was Jan Gerdes persönlich am Wichtigsten ist:
„Friede. Kein Streit, keine Gewalt – nicht Menschen, aber auch nicht Tieren gegenüber.“
Autorin: Deborah Weinbuch