Der Kräutergarten der Benediktiner
Hinter der flachen Balustrade muss ein wahrer Schatz liegen. Denn eine Reihe steinerner Engel hält auf dem Geländer Wache. Und ein feiner Duft nach Kräutern und ihren Blüten weht durch die Luft, hier im Schatten der großen Basilika. An den Engeln vorbei durch eine Lücke in der Balustrade führt ein schmaler Weg. Und plötzlich steht man mitten drin: im Apothekergarten der Klosteranlage von Seligenstadt.
Fast ein Jahrtausend – von 828 bis 1803 – lebten hier am Ufer des Mains Benediktinermönche hinter den alten Klostermauern.
Sie nutzten die Kraft der Pflanzen für ihre Medizin. Einige der wichtigsten sammelten sie im Wald, andere bauten sie in ihrem Kräutergarten an. Heute sprießen in den gepflegten Beeten rund 200 Heilpflanzen auf 600 Quadratmetern, sortiert nach ihren Anwendungsgebieten: rosa-blühender Oleander und bunter Fingerhut für Herz und Kreislauf, Haselwurz-Kraut und gelb-leuchtende Königskerzen für die Atemwege, Liebstöckel-Gewürz und verzweigter Schachtelhalm für Nieren und Blase. Purpurroter Enzian soll den Appetit anregen und duftender Schopflavendel Blähungen vertreiben.
Kraft der Pflanzen
Auch gegen Krebs und Schmerzen kannten die Mönche gleich mehrere Mittel aus der Natur: Herbstzeitlose zum Beispiel, Schlafmohn oder Mädesüß. Eingefasst werden die Beete von Edelgamander, einem niedrigen Strauch, dessen Blätter – als Tee – schon den römisch-deutschen Kaiser Karl V. (1500-1558) von seiner Gicht geheilt haben sollen.
Kleine Schilder neben den Pflanzen verraten den Besuchern, was genau dort in den kreuzförmigen Beeten wächst.
Die Zeichen warnen auch vor giftigen Pflanzen wie dem Schierling und der Tollkirsche. Die Mönche brauchten solche Hinweise jedoch sicher nicht. Sie wussten genau, wie sie die einzelnen Teile einer Pflanze für die Gesundheit einsetzen mussten. Denn lange Zeit versorgten sie nicht nur den eigenen Konvent, sondern auch die Bevölkerung der Stadt mit Arzneien.
Oberste Pflicht: Kranken helfen
Bereits Ordensgründer Benedikt hatte festgelegt, dass die Mönche als ihre oberste Pflicht den Kranken helfen sollten. Das Wissen, dass die Brüder dabei nach und nach aufbauten, gaben sie über die Jahrhunderte an die nächsten Generationen weiter – mündlich und schriftlich, zum Beispiel im berühmten Lorscher Arzneibuch. Die Niederschrift der medizinischen Kenntnisse der Benediktiner entstand nicht weit von Seligenstadt entfernt im südhessischen Kloster Lorsch um das Jahr 800. Heute zählt das Buch zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
Frisch oder getrocknet, destilliert, als Tee oder Tinktur verwendeten die Mönche die Pflanzenbestandteile.
In Seligenstadt verarbeiteten sie Wurzeln, Blüten und Blätter in einer prächtigen Apotheke.
Abt Petrus IV. ließ die Räume 1720 im Erdgeschoss der Alten Abtei anlegen, gleich neben dem Kräutergarten – in der Hoffnung, die Mönche würden ein Mittel gegen seine Gicht finden. Fortan hingen die Kräuter in der neuen Apotheke zum Trocknen von der Decke und die frisch verarbeiteten Drogen lagerten in den Schubladen und Gefäßen auf den grünen Wandregalen.
Aufwändige Restaurierung hat sich gelohnt
Über ein Fenster verkauften die Mönche die Medizin an die Bewohner der Stadt. „Außerdem gaben sie Ableger der Kräuter an die Bauersfrauen weiter“, erzählt Kriemhild Finken. Die Germanistin und frühere Lehrerin schreibt seit ihrer Pensionierung Gartenbücher, gemeinsam mit ihrem Ehemann. In einem ihrer Werke hat sie die schönsten Klostergärten vorgestellt. Über Seligenstadt sagt sie: „Nirgendwo habe ich einen so intakten Garten gesehen.“
Das ist vor allem einer aufwändigen Restaurierung zu verdanken. Denn im Zuge der Säkularisation 1803 wurde das Kloster aufgelöst, die Apotheke kurz darauf an den Marktplatz von Seligenstadt verlegt, der Garten parzelliert und privat weiter genutzt. Von den prachtvollen Beeten blieb kaum etwas übrig.
Doch in den 1980er-Jahren beschloss das Land Hessen, den Klostergarten nach historischem Vorbild zu restaurieren. Als Grundlage diente ein alter Kupferstich von 1712. Auf diesem ist die Anlage detailgetreu abgebildet – nicht nur der Apothekergarten, sondern auch der noch viel größere, barocke Konventgarten. Er umfasst mit 8000 Quadratmeter etwa ein Drittel der gesamten Fläche der Abtei.
Die Beete im Konventgarten sind präzise rechtwinklig nach mehreren Achsen ausgerichtet und von niedrigen Buchsbaumhecken umfasst.
Hier bauten die Mönche – im Schutze der Klostermauern und eingerahmt von Blumen – ihr Gemüse an, zum Beispiel Mangold, Bohnen und Kohl. Dazwischen ragen heute wieder etwa 350 Zierobstbäumchen hervor.
„Sie hängen voller Äpfel und Birnen alter Sorten, die man heute so gar nicht mehr kennt“, erzählt Garten-Expertin und Autorin Kriemhild Finken.
Ein kleines Paradies
Ein Springbrunnen verteilt seine kühle Luft in dem großen Konventgarten. Hin und wieder läuft eine Entenfamilie über den Weg. Auf einem Teil der Beete wachsen Pflanzen, die die Mönche für das Färben von Stoffen oder Papier nutzten, zum Beispiel Mahonien oder Schminkwurz. In einer Ecke des Nutzgartens finden Besucher zudem einen Bienenstock, der bereits im 13. Jahrhundert an dieser Stelle stand.
Exotischere Pflanzen wie Orangen-, Granatäpfel- und Feigenbäume überwintern heute in der prächtigen, restaurierten Orangerie von 1757. Ihr gewölbtes Dach hat die Form eines Schwanenhalses und ist großflächig verglast. „Es fängt die Sonne auf und leitet sie in den Raum“, erklärt Kriemhild Finken. Im Sommer kommen die Pflanzen in Töpfen auf den hellen Vorplatz.
Gerade in den Sommermonaten sind die Wege zwischen den Beeten gut gefüllt. Auch Garten-Expertin Kriemhild Finken kommt seit ihrem ersten Besuch vor rund neun Jahren immer wieder. „Hier kann man einen ganzen Tag verbringen“, schwärmt sie. Denn zwischen Engelsfiguren und Basilika empfängt einen der Klostergarten mit einer Blütenpracht und Kräutervielfalt, die ihresgleichen sucht.
Autorin: Nele Langosch