Der Wüstengänger
Wenn ich gefragt werde, was das Besondere einer Wüstenerfahrung ist, dann antworte ich gerne: Wind, Sand und Stille. Es gibt nur den klaren blauen Himmel mit seinem Überfluss an Licht. Es gibt den Sand, den der Wind zu immer neuen Formen modelliert.
Und es gibt die große Stille. Sie schneidet tiefer ins Herz als alles andere.
Die Stille der Wüste ist nicht von der Art Stille, die man empfindet, wenn man in die Natur geht. Am Wasser, im Wald, im Gebirge, überall gibt es Geräusche. In der Wüste jedoch herrscht ein Art Endzustand der Materie, der kein Geräusch mehr verursacht. Sie ist auch nicht wie jene beklemmende Stille, die man nach einem Donnerschlag empfindet, nach einer Lawine oder dem Schrei einer Kreatur.
Schöpferische Stille
Die Stille der Wüste ist eine schöpferische Stille, denn sie ist frei von Assoziationen und lässt die eigenen Gedanken von der Kette los. Es ist eine Stille, die einen den Quellen des Lebens näher bringt, denn man hört nichts als den eigenen Pulsschlag und seinen Atem.
Wobei Kopf, Füße und Atem sich anfangs wie widerstreitende Kräfte verhielten. Der Kopf eilte den Füßen weit voraus und die Füße wollten schneller laufen als der Atem es zuließ. Allmählich aber fanden sie zueinander und das Gehen selbst wurde zum Weg der Erfahrung. Die Wüste lässt sich nur im Gehen erfahren.
Reduktion ist Gewinn
Mit einem Fahrzeug würde man zwar schneller vorankommen, aber weniger sehen. Die Wüste wäre dann nur noch Wegwerfwüste, eine rasante Abfolge vorbeihuschender Eindrücke. Der Motorlärm würde die Stille vertreiben und von der grenzenlosen Weite bliebe nur ein Ausschnitt in der Windschutzscheibe übrig. Freilich wäre das Fahren bequemer und im Auto könnte man problemlos seinen Hausrat mitbefördern.
Wer geht muss sich bescheiden, denn jedes Gramm Gewicht zählt. Aber das ist kein Nachteil. „Minimierung der Ansprüche ist Optimierung der Freiheit, Reduktion ist Gewinn“, resümierte Otl Aicher, der das Gehen in der Wüste zur Lebensphilosophie kultiviert hat.
Lähmende Hitze und quälender Durst
Ich kenne keine andere Landschaft, die so von Klischeebildern geprägt ist wie die Wüste. Die meisten Menschen stellen sich darunter eine trostlose Öde vor, wo einen nichts als lähmende Hitze und quälender Durst erwartet. Wer sich freiwillig in einen solchen Ort begibt, der müsse verrückt sein. Die Klischees sind zwar nicht falsch, aber sie werden der Wüste nicht gerecht, weil sie nur eines ihrer vielen Gesichter widerspiegeln.
Sie ignorieren ihre Schönheit und die zwingende Kraft, die von ihr ausgeht, die tiefer in die menschliche Seele greift als bei jeder anderen Landschaft.
Die meisten Menschen waren jedoch noch nie in der Wüste und sie bedienen sich Stereotypen, die von anderen geschaffen wurden, die oftmals selber nie einen Fuß in eine Wüste gesetzt haben. Wer kennt sie nicht, die Wüste als Schauplatz für die Helden der Abenteuerromane von Jules Verne und Karl May, ausgestattet mit all ihren Attributen wie Sand, Palmen, Kamelen und verschleierten Beduinen, geheimnisvoll und schrecklich zugleich.
Noch etwas fällt auf: Die Wüste polarisiert. Während die einen sie verteufeln, ist sie anderen heilig.
Den einen gilt sie als Ort des Schreckens, den anderen als Ort der Verheißung. Schon in der Vergangenheit schieden sich an ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Geister. Den alten Ägyptern galt die Wüste westlich des fruchtbaren Niltales als Reich der Dunkelheit und des Todes, die schaurige Feuerhölle des Seth, der durch Sandstürme Chaos verbreitete.
Auch den Chinesen war die Wüste ein Feindbild. Aus ihren Tiefen brachen regelmäßig Reiternomaden hervor, gegen die sie sich mit einer gigantischen Mauer zu schützen suchten. Für die Inkas gehörte die Atacama-Wüste ebenfalls mehr dem Reich des Todes an, als der Welt, in der sie lebten. Sie wagten sich nur hinein, um Opfer darzubringen und ihre Toten zu bestatten.
Die reinigende Kraft der Wüste
Die heilbringende und offenbarende Kraft der Wüste hat erst die jüdische und später die christliche Religion entdeckt. Bereits Moses erkannte die göttlichen Gesetze in einem brennenden Dornbusch, Jesus suchte die Wüste auf, um dort zu fasten und zu meditieren, der Prophet Mohammed lebte zwar in der Stadt Mekka, aber der Legende zufolge wurde ihm der Koran in einer Wüstenhöhle offenbart.
Die biblischen Propheten gingen zwar um der spirituellen Erfahrung willen in die Wüste, aber sie blieben nicht dort.
Erst ägyptische Kopten waren es, die Haus und Hof verließen, um sich in dieser lebensfeindlichen Zone dauerhaft niederzulassen. Obwohl die ersten dieser „Wüstenmönche“ es eher notgedrungen taten – sie suchten sich den Nachstellungen römischer Steuereintreiber zu entziehen –, so erkannten sie doch schnell die den Geist läuternde und reinigende Kraft der Wüste.
Andere folgten ihrem Beispiel in der Hoffnung, dort ihrem Gott zu begegnen und den wahren Glauben zu finden. Die Abbas – die Wüstenväter – wie diese Generation christlicher Gottessucher genannt wurde, errichteten Einsiedeleien, tauschten regelmäßig Erfahrungen aus und spendeten einander Trost, wenn Zweifel und Ängste sie überkamen.
Denn der Pfad der Erkenntnis war steinig und entbehrungsreich wie die Wüste selbst – und mit zahlreichen Abgründen versehen.
Glaubt man den Überlieferungen, dann führte der Weg zum Lichte der Wahrheit zuerst durch ein dunkles Schattenreich. In den einsamen Tagen und Nächten rangen die frommen Brüder mit Anfechtungen aller Art. Eine lebhafte Schilderung davon hat Athanasius, der Biograph von Antonius, dem bedeutendsten Wüstenheiligen, hinterlassen.
Das göttliche Prinzip erkennen
Antonius hatte bewusst die Nähe des Todes in der extremen Herausforderung der Wüste gesucht. Was er dort erlebte, ließ selbst seinen Biographen noch Jahrhunderte später erschaudern. Hinter immer neuen Masken erschien ihm der Teufel. Als er sich vor Angst nachts in einem Grab verkroch, trieben ihn schreckliche Visionen und Gruselbilder erst Recht an den Rand seelischer Abgründe.
Sein Glaube wurde immer härteren Prüfungen unterzogen. „Wo warst du?“, fragte er einmal vorwurfsvoll seinen Gott, nachdem er erschöpft nach einer schrecklichen Nacht aus seinem Grab gekrochen war. „Ich wartete, um deinen Kampf zu sehen“, lautete die Antwort. Schließlich gelang es ihm, den illusionären Charakter der Versuchungen zu durchschauen und das göttliche Prinzip zu erkennen, das sich gleichsam auf sandigem Grund abzeichnete.
Es folgte die Zeit der Wunder und Visionen.
Antonius zog sich weiter in das Innere der Wüste hinein zurück und fand auf dem Berg Kolzin eine dauerhafte Bleibe. Von dort schmetterte der wortgewaltige Rufer seine Botschaft in die Welt hinaus. Und sie wurde weithin vernommen. Christliche Glaubensbrüder, Priester, Bischöfe, Philosophen und Gelehrte kamen von überall her, um seine Weisheit zu hören. Selbst Kaiser sandten ihm Briefe aus der Ferne.
Was ist aus den so hart erkämpften Weisheiten der christlichen Wüstenväter geworden?
Grenzen müssen auch überschritten werden
Sie sind auf der Stecke geblieben. An Stelle der individuellen Gotteserfahrung trat das Dogma, an Stelle der Suche die Ausschließlichkeit derer, die die absolute Wahrheit für sich beanspruchten. Für Grenzgänger war kein Platz mehr. Dabei wären die Erfahrungen der Wüstenmönche nicht möglich gewesen ohne die Überschreitung der Grenze zwischen Stadtkultur und Leere, wobei sich das Leere letztlich als das Volle erwies.
Und Antonius selbst, der „Stern der Wüste“ und „Erstlingsausgabe dieser Mönche und Einsiedler“? Er hat seinen Tod überlebt. Durch Gustave Flauberts „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ und in den Bildern von Tintoretto, Max Beckmann und Max Ernst ist er unsterblich geworden.
Leben in der Wüste
Doch am lebendigsten bleibt er bei den Brüdern des Antoniusklosters in der Weite der arabischen Wüste. Sie schwören darauf, dass „der Vater“, wie sie ihn nennen, nicht nur lebt, sondern in Sturmnächten leibhaftig über die Klostermauern steigt, mit einer Laterne in der Hand, erschreckend und schützend zugleich. „Abba Antonius trägt ein Gewand aus Tierfell und kommt von jenseits des Berges“, erzählen sie den Touristen, die scharenweise von den Tauchstränden des Roten Meeres einfallen.
Tatsächlich ist das Leben des Wüstenheiligen zwar gut dokumentiert, doch über die Umstände seines Todes existieren nur Andeutungen. Es gibt kein Grab, keine Reliquie – ein Hinweis für manche, dass er noch lebt.Den Ansturm der Strandurlauber, die Fotosafaris in den ehrwürdigen Gemäuern veranstalten, ertragen die Mönche mit Gelassenheit. Vielleicht ahnen sie, dass es womöglich ihre Vorväter waren, die die Faszination der Wüste in der westlichen Welt begründet haben – in ihrer ganzen Ambivalenz zwischen unendlicher Freiheit und quälenden Entbehrungen.
Autor: Bruno Baumann