Die Gemüseretterin
Aufgeplatzte Kohlrabi, krumme Zucchini, abgebrochene Möhren oder Äpfel mit kleinen Druckstellen: Gemüse und Obst wachsen in der Natur nicht nach dem Lineal. Doch was kleine Macken hat oder nicht in die Norm passt, findet häufig keinen Abnehmer. Die Pfälzerin Heike Fehmel nimmt sich aussortierter Lebensmitteln an und verarbeitet sie zu hausgemachten Leckereien.
Das Innere schätzen lernen
Schlicht „Von Heike“ heißt das Label, unter dem sie ihre Produkte vertreibt. Und „Von Heike“ sei eine Überzeugung, erklärt Heike Fehmel. Ihr ist von Herzen zuwider, wenn etwa Radieschen, deren Blätter vielleicht durch einen Hagelschauer kleine Löcher aufweisen, oder Lauchzwiebeln, deren Schaft zu dick ist, einfach untergepflügt werden.
„Viel zu viele Produkte werden in Deutschland weggeworfen, bevor sie überhaupt in den Handel kommen“, weiß Heike Fehmel
Zusammen mit ihrem Mann Peter und Sohn Jochen führt sie einen Gemüseanbaubetrieb. Es sei schade, bedauert sie, dass die Verbraucher das Innere nicht schätzten, sondern nur die äußere Hülle. Heike Fehmel dagegen ist der festen Überzeugung: Möhren, Erdbeeren oder Tomaten müssen nicht wie aus dem Bilderbuch sein. Denn guter Geschmack ist keine Frage des makellosen Aussehens.
Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern
Und so verarbeitet die 56-Jährige das Gemüse mit den kleinen Schönheitsfehlern zu Soßen, Chutney oder Brotaufstrichen. Aus einer umgekippten Palette Aprikosen wird in ihrer Küche Marmelade – und wenn es einmal zu viel Spargel gibt, legt sie diesen kurzerhand ein oder verarbeitet abgebrochene Spargelenden zu Pesto.
Außerdem verfeinert sie Salze und Öle mit Kräutern oder Chili. Und aus Quitten, Rhabarber oder Beeren entsteht bei Heike Fehmel handgemachter Sirup.
Nachhaltig und regional sind ihre Produkte, denn alle Lebensmittel wachsen direkt vor der eigenen Haustür im „Gemüsegarten Pfalz“ oder werden von Produzenten aus der Region hinzu gekauft. Das Verarbeiten von allem, was Feld und Garten so hergeben, liegt der quirligen Frau quasi im Blut.
„Ich wurde immer mit der Oma in die Sommerküche geschickt, zum Einmachen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit im elterlichen Obst- und Weinbaubetrieb an der Weinstraße.
Genutzt wurde all das, was übrig blieb oder nicht an den Großmarkt abgegeben werden konnte.
Das Hobby wurde zum Geschäft
Nachdem Heike Fehmel in einen Gemüseanbaubetrieb eingeheiratet hatte, kochte sie auch dort weiterhin für ihre Familie ein. „Die Kellerregale waren bei uns immer voll“, sagt sie. Gerne verschenkte sie bei Geburtstagen oder Einladungen anstelle von Blumen ein Glas aus dem Vorratskeller – bis irgendwann jemand bei ihr die ersten zehn Gläser eingelegte Paprika bestellte. Das war der Punkt, an dem das Hobby anfing, zu einem Geschäft zu werden.
Es wird weniger weggeworfen
Mit ihrem „Fimmel“, wie Heike Fehmel ihre Geschäftsidee lachend selbst bezeichnet, hat sie mittlerweile viele Menschen angesteckt. Kunden, andere Erzeuger oder LKW-Fahrer sind so sehr sensibilisiert, dass sie Waren, die zum Wegwerfen vorgesehen sind, einfach bei ihr vorbei bringen oder ihr zum Kauf anbieten, wenn es beispielsweise ein Überangebot gibt. Und auch ihre Mitarbeiter auf dem Feld oder im Glashaus wissen ganz genau, was Heike Fehmel für „die Fabrik“, wie sie ihr Unternehmen nennen, braucht:
„Die Chefin will Möhren, die krumm sind oder aufgeplatzt.“
Für Heike Fehmel heißt es dann, flexibel zu reagieren und die Ware entweder direkt zu verarbeiten oder in der „Kühlung“, einem großen Container-Kühlhaus, zwischenzulagern. Eingelegt und eingekocht wird vielfach nach alten Familienrezepten, wie der Anleitung für die „süß-sauren Zwetschgen“ von ihrer Großmutter.
Sie probiert immer wieder Neues
Oder Heike Fehmel experimentiert selbst mit den Zutaten. Die Anregungen für neue Produkte holt sie sich aus dem Internet oder in ihrer umfangreichen Kochbuch-Sammlung.
„Ich kaufe keine Taschen oder Schuhe, sondern sammle Kochbücher“, gesteht sie.
In ihrem Lagerraum stapeln sich sauber aufeinander gestellt die Ergebnisse ihrer Koch- und Einlegekünste. Mit hübschen Etiketten versehen stehen dort allein fünf Sorten Tomatensoße, dazu viele verschiedene Konfitüren und Gelees, Brotaufstriche, Pestos, Kräuteröle, Säfte, Sirups und Chutneys. Alles von Hand zubereitet und ohne künstliche Zusatzstoffe, wie sie betont.
Von A wie Auberginen-Aufstrich bis Z wie Zucchini-Chutney
Zunächst verkaufte sie nur über zwei, drei Hofläden und druckte die Etiketten noch selbst, alles sehr sporadisch und nicht gezielt. Vor fünf Jahren gab dann ihr Sohn den Anstoß, das Label „Von Heike“ auf professionelle Beine zu stellen. Seitdem stehen die Zeichen auf Erfolg. Inzwischen versorgt sie schon über 100 Läden und Marktstände und betreibt auch einen Online-Shop.
„Ich habe nichts Neues erfunden“, sagt sie bescheiden.
„Dass ich überzählige Lebensmittel verarbeite, gibt es bei mir schon immer. Ich habe es nur professionalisiert.“ Ihren Erfolg erklärt sie mit der Lücke, die da war und in die sie hinein produziert. Der Verbraucher komme zurück zum Ursprünglichen. Und genießt die Produkte „Von Heike“ – von A wie Auberginen-Aufstrich bis Z wie Zucchini-Chutney.
Autorin: Anette Konrad