Rettet unsere Insekten
Gehen Sie einmal bei Windstille auf ein großes Feld mit Monokultur und lauschen Sie. Sie hören – wenig. Vielleicht sogar nichts. Kein Summen, kein Zirpen der Grillen, oft nicht einmal Vogelgezwitscher. Das große Schweigen der Natur, es ist ein unguter Vorbote dessen, was uns womöglich noch blüht. Nämlich dann, wenn wir jetzt nicht gemeinsam die Reißleine ziehen und uns für die winzigsten, vielleicht auch wichtigsten Nützlinge in der Natur stark machen.
Wer bestäubt in Zukunft unser Obst und Gemüse?
Nach einem Mücken- oder Bienenstich fühlt es sich bestimmt nicht so an, aber: Insekten sind unsere Freunde. Denn ohne sie würden wir einen bedeutenden Teil unserer Nahrung einbüßen. Rund ein Drittel unserer Lebensmittel wachsen nur, weil Insekten sie bestäuben. Ohne Insekten müssten wir auf Äpfel, Birnen, Kirschen, Nüsse und Beeren verzichten, eben auf alles, was im Frühjahr so wunderbar an den Bäumen blüht. Doch auch Gemüse wie Brokkoli oder Spargel hängt von ihrer Bestäubungsleistung ab.
Insekten sind unsere Freunde
Umso schlimmer ist diese Nachricht: Die Zahl der heimischen Insekten hat seit 1982 regional um 80 Prozent abgenommen. Fast jede zehnte Bienen- und Schmetterlingsart ist laut der Europäischen Roten Liste vom Aussterben bedroht, die Hälfte ist gefährdet. Das ist ein Grund zur Sorge, denn tatsächlich könnte dieser Prozess dazu führen, dass in absehbarer Zukunft unser Ökosystem – oder ein großer Teil davon – zusammenbricht.
Erste Ackergifte verboten
Ursache für das Insektensterben ist vor allem die intensive Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und chemischen Spritzmitteln. Fast 50 000 Tonnen Pestizide werden in Deutschland jährlich versprüht. Besonders bienenschädlich sind die sogenannten Neonicotinoide („Neonics“), die z. B. auf Weizen gespritzt werden, um Schädlinge abzuwehren. Mit ihnen lässt sich der Ertrag der Ernte um mindestens zehn Prozent erhöhen, argumentieren die Hersteller.
Bienen würden nur bei unsachgemäßer Nutzung dieser Spritzmittel geschwächt. Unabhängige Wissenschaftler widersprechen. In der „Task Force on Systemic Pesticides“ (TFSP) werteten sie über 800 Studien aus und kamen zum Schluss: Für die Schädlichkeit von Neonics gibt es klare Beweise.
Felder sind auch Lebensraum
„Unsere Felder sind nicht nur Produktionsfläche, sie sind auch der wichtigste Lebensraum für Insekten“, mahnt Julian Heiermann von der Naturschutzorganisation NABU. „Würde die Politik beispielsweise naturnahe öffentliche Flächen fördern, dann wäre das zwar schön. Ohne einen fundamentalen Wandel der Landwirtschaft bliebe das aber reine Kosmetik“, so Heiermann.
Denn immerhin die Hälfte der unbebauten Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Davon müsste einerseits mehr Fläche für den Bio-Anbau genutzt werden, um die Artenvielfalt zu erhalten.
Andererseits können wir jedoch auch nicht auf einen Wandel der konventionellen Landwirtschaft verzichten.
Denn in Deutschland werden immer noch 92,5 Prozent der Lebensmittel auf diese Weise angebaut. „Auch hier müsste die Politik engere Leitplanken für ökologische Standards setzen“, fordert Heiermann.
Dabei sind Insektizide nicht das einzige Problem. Durch Herbizide sterben wichtige Kräuter ab, die ihnen sonst als Nahrung dienen würden. Ein weiterer Grund, warum viele Insekten Hunger leiden, ist die Überdüngung der Felder mit Gülle. NABU-Experte Heiermann:
„Überdüngung gefährdet die botanische Artenvielfalt.“
Auf einer typischen Fettwiese vom Bauern mit hohem Stickstoffgehalt können nur wenige Pflanzenarten gut wachsen. Diese ersticken dann jedes andere Kraut. Eine solche Wiese erkennt man beispielsweise am Löwenzahn. Wächst er in rauen Mengen, dann ist der Nährstoffgehalt dieser Wiese sehr hoch.
Magerwiesen - Plätze der Vielfalt
Auf einer sogenannten Magerwiese ist die Artenvielfalt ungleich höher. „Dort wachsen eben nicht fünf, sondern vielleicht fünfzig verschiedene Pflanzenarten“, erläutert Heiermann. „Das ist gut, denn viele Insekten sind auf ganz bestimmte Pflanzen spezialisiert, die sie dort dann finden.“ Das Nahrungsnetz der Wiese ist komplex: „Von jeder Art gibt es Wechselbeziehungen mit rund 50 anderen Arten. Fällt eine Art weg, wird dieses Netz löchrig, und die Langzeitfolgen sind kaum abzuschätzen.“
Edelfalter und Prachtlibellen
Artenreichtum unter den Pflanzen, das ist es auch, wodurch sich Biosphärenreservate wie die Röhn, der Thüringer Wald oder die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft als Insektenschutzgebiete auszeichnen.
In der Rhön tummelt sich eine der größten Populationen des bernsteinfarbenen Edelfalters „Berghexe“.
Auch der „Schwarze Apollo“, ein Schmetterling, wird hier häufig gesichtet, obwohl seine Art vom Aussterben bedroht ist. Dass in der Rhön die Wasserqualität noch in Ordnung ist, zeigt die Präsenz der Blauflügel-Prachtlibelle. Die metallisch blau-grün schimmernden „Wasserjungfern“ reagieren nämlich ganz sensibel auf Verschmutzungen und kommen deshalb rings um Ballungsgebiete nicht mehr vor.
Pflanzen, die Bienen lieben
Aber nicht nur die Landwirte sind gefragt. Auch zu Hause kann jeder einzelne von uns etwas tun, um den Erhalt der Artenvielfalt und das Überleben der Insekten zu sichern, im Garten oder auf dem Balkon. Je naturnäher ein Garten gestaltet wird, desto besser. Es empfiehlt sich möglichst auf heimische Pflanzen und Gehölze im Garten zu setzen, statt auf Exoten, die unsere Insekten nicht ernähren können.
Goldlack, Kapuzinerkresse, Verbene, Männertreu, Wandelröschen, Löwenmäulchen und Küchenkräuter wie Salbei, Rosmarin, Lavendel, Pfefferminze oder Thymian schmecken Bienen besonders gut.
Auch Schafgarbe, Lupine, Astern und ungefüllte Dahliensorten eignen sich perfekt, um ein eigenes kleines Biotop anzulegen.
Beerensträucher, Wilder Wein, Efeu und ungefüllte Kletterrosen sind unter Insekten ebenfalls sehr beliebt. Man kann auch einfach eine Blumenmischung aus regionalem Saatgut ausstreuen.
Weniger ist mehr
Neben dem richtigen Futter kommt es bei der Gartengestaltung auch auf die festen Elemente an. „Hier gilt das Prinzip: Weniger ist mehr“, empfiehlt Julian Heiermann und meint damit: weniger penible Ordnung, mehr Lebensraum und Nistmöglichkeiten für die Tiere. Totholzhaufen, Felssteine, alte Mauern mit Abbruchkanten, Miniteiche, Wege aus Naturmaterialien sowie offene Sandflächen bieten unseren Nützlingen Schutz und Platz zur Fortpflanzung.
Wenn die Vögel wiederkommen
Ein weiterer, wunderbarer Nebeneffekt: Durch die Insekten werden Vögel angezogen. Und das ist dringend nötig. Denn etwa die Hälfte der Brutvögel in Deutschland nehmen in ihrem Bestand merklich ab. So gibt es im Vergleich zu 1990 heute rund 300 Millionen Vögel weniger in Deutschland. Selbst eine einst weit verbreitete Art wie die Feldlerche ist heute vom Aussterben bedroht.
Durch naturnahes Gärtnern, aber auch durch den Kauf von Biolebensmitteln sowie durch politisches Engagement kann jeder einzelne von uns helfen, Vogel- und Insektenbestände wieder aufzubauen – und damit unsere eigene Lebensgrundlage dauerhaft zu schützen.
Autorin: Deborah Weinbuch