Rosen von Ittingen
Wenn der Frühling zart über die Hügel streift und die Natur langsam aus dem Winterschlaf erwacht, machen sich die Mitglieder der Rosengesellschaft Winterthur auf den Weg ins Thurtal, südlich des Bodensees. Ihr Ziel ist die Kartause Ittingen, ein ehemaliges Kloster. Dort werden sie schon erwartet: von Rosenstöcken mit Namen wie „Madame Edouard Ory“, „Henri Martin“, „Schneewittchen“ oder „Eleisa“. Etwa 1000 Pflanzen müssen behutsam beschnitten werden.
Denn hier gedeiht die größte Sammlung historischer Rosen in der Schweiz.
Die Kartause Ittingen diente einst bis zu 14 Mönchen als Zuhause. Jeder von ihnen lebte in seinen eigenen drei Räumen, als Einsiedler im Schweigen. Nur zu den Gottesdiensten in der prachtvollen Kirche des Klosters und zu einem gemeinsamen Mahl an Sonn- und Feiertagen kamen die Glaubensbrüder zusammen. Erst im Jahr 1848, 700 Jahre nach der Gründung, wurde das Kloster aufgelöst.
Rosen in allen Farbstufen
Fortan bewohnte eine Adelsfamilie die Gebäude, bis 1977 eine Stiftung die Anlage kaufte. Heute finden sich in der Kartause unter anderem zwei Museen, ein spirituelles Zentrum, ein Hotel – und rund herum die kostbarsten Rosensorten. In allen Farbstufen von Rosa bis Rot, in Hellgelb und zartestem Weiß wetteifern ihre Blüten im Sommer um die Aufmerksamkeit der Besucher.
Ein wundervoll lieblicher Duft zieht wieder durch die warme Luft.
Bis es soweit ist, verlangen die Rosen nach guter Pflege. Im März und April ist für die Rosengesellschaft Winterthur Hochsaison. Beim Beschneiden der Zöglinge beraten sich die Hobby-Gärtner gegenseitig. „Auf die Rosenzeit freuen wir uns jedes Jahr enorm“, erzählt die Präsidentin der Rosengesellschaft, Magdalen Macher.
Winterthurer Rosenfreunde
Der Garten in Ittingen ist der ganze Stolz der Winterthurer Rosenfreunde. Denn sie haben die Anlage selbst geplant. Als die alten Klostergemäuer zu Beginn der 1980er Jahre restauriert worden waren, fehlten der Stiftung Geld und Zeit für die noch ausstehende Gestaltung der Außenanlage. Um beides kümmerten sich daher die Rosenfreunde.
Die Kartause erschien ihnen für einen besonderen Rosengarten ideal. Denn wahrscheinlich ließen schon die Kartäusermönche Rosen in ihren Gärten wachsen. Einige Wildrosen blühten noch auf dem Areal. Zudem ist die Blume ein starkes Symbol im Christentum: Ihre rote Farbe steht für das Blut Jesu, die fünf Blütenblätter für die Wundmale an seinem Körper. Märtyrer werden häufig mit einer Rose abgebildet.
Die „Königin der Blumen“ wird Maria zugeordnet, die im Kartäuserorden besonders verehrt wird.
Kein Wunder also, dass man in der Ittinger Kirche und Sakristei noch heute viele Gemälde und Schnitzereien mit Rosen bewundern kann. Magdalen Macher schwärmt:„Mit dem Rosengarten wollten wir den Jubel der Klosterkirche nach draußen tragen.“
Suche nach alten Sorten
Rund zehn Jahre dauerte die Gestaltung der Außenanlage. Besonders die Suche nach den historischen Pflanzen erforderte Zeit und Mühe: „Die alten Sorten kann man nicht im Gartencenter kaufen“, sagt Magdalen Macher. Stattdessen trugen die Rosenfreunde Raritäten aus ganz Europa zusammen. Einige ließen sie extra für den neuen Garten vermehren.
Weiße Swany und rosa Raubritter
Wenn man heute über die Anlage schlendert, kann man die Begeisterung der Rosenfreunde für ihre Schützlinge an jeder Ecke spüren. Die üppig blühenden Pflanzen ranken an Mauern empor, winden sich über Torbögen und lassen keinen Quadratmeter auf den vielen Beeten ungenutzt.
Das Herz der Anlage bildet der Barockgarten, der nach historischem Vorbild symmetrisch angelegt wurde. Niedrige Buchsbaumhecken säumen die Wege. Weiße „Swany“- und rosafarbene „Raubritter“-Rosen hängen von ihren hohen Stämmen herab. In der Mitte plätschert ein Springbrunnen aus dem 18. Jahrhundert.
Im Prioratsgarten wächst die älteste Rose der Anlage: eine „Rosa canina“.
Die schlichte Wildrose mit den knorrigen Ästen blühte wahrscheinlich bereits zur Zeit der Kartäusermönche an dieser Stelle in einem Weiß-Rosa. Im kleinen Kreuzgarten, der den Mönchen früher als Friedhof diente, wächst die ähnlich blühende „Rosa sancta“, auch „Heilige Rose“ genannt (Foto li.). Und im großen Kreuzgarten umwuchern Kletterrosen einen alten Pavillon.
Zarte Farben statt knallige Signalfarben
Neben jeder Rose steht ein kleines Namensschild. Denn: „Bei so vielen verschiedenen Sorten vergesse auch ich mal eine Bezeichnung“, erzählt Rosenkennerin Magdalen Macher. Die historischen Rosen unterscheiden sich von modernen Züchtungen in vielerlei Hinsicht. „Sie blühen eher in zarten Tönen und nicht in knalligen Signalfarben“, erklärt Magdalen Macher.
Die alten Sorten stehen oft nur wenige Wochen in voller Blüte. Die Rosenliebhaber haben daher auch neuere Sorten gepflanzt, die remontieren (also nach der Hauptblüte noch ein Mal Blüten bilden) oder sogar die ganze Saison über blühen. Die Moschata-Hybriden zum Beispiel stehen bis zum ersten Frost in voller Blüte.
Eine weiße Züchtung wurde inzwischen sogar nach der ehemaligen Präsidentin der Rosengesellschaft, Elisabeth Oberle, und der Kartause benannt. Sie erhielt für die Gestaltung des Gartens 2003 den Schulthess Gartenpreis des Schweizer Heimatschutzes.
Blütenzauber bis in den Juli hinein
Gespritzt werden die Pflanzen nicht. „Wenn eine Rose eingeht, pflanzen wir die gleiche wieder“, sagt Magdalen Macher gelassen. Die Gärtner der Kartause Ittingen unterstützen die Rosenfreunde bei der Pflege der Pflanzen rund ums Jahr. Sie kümmern sich auch um den Kräutergarten mit der Apothekerrose „Officinalis“ und um ein duftendes Labyrinth aus Thymianpflanzen, das wiederum von der „Rosa sancta“ umgeben ist.
Bis in den Juli hinein leuchten die Rosen auf den Beeten und an den Mauern in Ittingen. Dann lässt der Blütenzauber langsam nach. Zurück bleiben an den Sträuchern knallrote, gelbe oder sogar schwarze Hagebutten. Noch im Winter kann man überall Hagebutten entdecken und hier und dort vielleicht sogar eine späte Rosenblüte, die von feinen Eiskristallen ummantelt ist. Die edlen Pflanzen fallen in den Winterschlaf – bis der Frühling sie wieder zum Leben erweckt.
Autorin: Nele Langosch