Die Weinstöcke von Marienberg
Die Abtei Marienberg: Schon von Weitem rückt sie in den Blick des Vinschgau-Reisenden. Die mächtigen weißen Mauern erinnern an eine Burg, aber die zahlreichen Türme der Gebäude mit dem Kirchturm im Mittelpunkt zeigen nach oben, in den Himmel, und weisen es als Kloster, als „Klosterburg“ aus. Vor rund 900 Jahren von Benediktinermönchen in eine großartige Bergwelt hinein errichtet, leuchtet die Abtei bis heute weit in den Oberen Vinschgau in Südtirol hinein.
Weinberg in luftiger Höhe
Das Kloster Marienberg liegt auf 1340 Metern Höhe, ein Magnet für Wanderer und Pilger – und Menschen, die das Kloster als Ort der Ruhe und Selbstfindung entdecken. Beim Kloster kreuzen sich Wege, die bereits vor Jahrhunderten wichtige Verbindungen über und in den Alpen darstellten.
Dass der Weinberg mit Rekordhöhe im Vinschgau liegt, hat mit den klimatischen Besonderheiten der Region zu tun. Hier scheint die Sonne so häufig wie kaum anderswo im Alpenraum, und auch die relative Trockenheit – rund 500 Millimeter Niederschlag im Jahr und die wie Entfeuchter wirkenden Fallwinde – fördern das Heranreifen eines außergewöhnlich guten Weines.
Dass jetzt am Fuß seines Klosters Weinreben wachsen und im Jahr 2017 erstmals eine nennenswerte Ernte zu erwarten ist, freut Abt Markus Spanier (56). Er stammt aus der Pfalz und beschreibt sich als „Fan“ des Weines – auch und gerade wegen seiner Symbolhaftigkeit im Christentum.
Hinzu kommt, dass Wein und Klöster in einer fast symbiotischen Beziehung zueinander stehen.
Im Mittelalter waren viele Klöster, gerade auch die der Benediktiner, Zentren der Weinkultur sowie Pflege- und Forschungsstätten des Weinbaus.
Warum kein Weinberg?
Zu Beginn seines Engagements hatte Abt Spanier in Sachen Wein mit der Beobachtung zu tun, dass der steile Hang unterhalb des Klosters sich einer sinnvollen Nutzung geradezu zu widersetzen schien. Selbst Hochlandrinder wollten sich mit dem Areal nicht so recht anfreunden. „Warum kein Weinberg?“, bringt dann ein Freund des Klosters den verwegenen Plan erstmals ins Gespräch. Wein in dieser Höhe? Geht das?
Aus Urlaubern wurden Vinschgauer Weinbauern
Abt Markus sucht den Kontakt zur Familie Van den dries, die für ihre unorthodoxen und innovativen Methoden in Sachen Weinanbau in der Region bekannt ist.
Der passionierte Bergsteiger Frans Van den dries, ein Belgier, hat sich bei seinen Urlaubstouren „in Südtirol und vor allem in den Vinschgau verliebt“.
Im Jahr 2002 verkaufte der Flame seine Anteile an einer Reederei und erstand mit seiner Frau Frieda das Anwesen am Rande des Dorfes Laatsch: an einem fast magischen Ort mit weitem Blick über die fruchtbare Malser Heide mit ihren Dörfern und deren Kirchtürmen. Bald schon begann die „Aussteiger-Familie“ – als Quereinsteiger, jedoch mit qualifizierter Beratung – mit dem Weinanbau. Aus den Urlaubern wurden Vinschger Weinbauern. „Nach strengen biologischen Kriterien“, was der Familie Van den dries wichtig ist.
Inzwischen gehört auch Tochter Hilde zum Familienbetrieb, um vor allem den Vater in den Weinbergen zu unterstützen. Sie hat ihren gut bezahlten Job in Antwerpen an den Nagel gehängt, nochmals eine Ausbildung gemacht und ist jetzt Vollzeit-Winzerin. Sie bereut ihre Entscheidung nicht.
„Ich liebe die Arbeit in der Natur, mit den Pflanzen und den Tieren, und das alles in dieser grandiosen Landschaft.“
Sie kann sich nichts anderes mehr vorstellen. Die harte Arbeit nimmt sie als Herausforderung, desto mehr genießt sie die nicht sehr häufigen Stunden der Muße und Entspannung.
Mit den Eseln im Weinberg
Seit 2011 bewirtschaftet die Familie Van den dries die Flächen unterhalb des Klosters Marienberg. Zwischen den Rebzeilen wachsen verschiedene Kleesorten, Wildkräuter und Wildbeeren. Der Anbau geschieht grundsätzlich sehr schonend. So kommen beim Transport der geernteten Trauben auch Cornelius, Gina und Leila als Erntehelfer zum Einsatz – die drei freundlichen Esel der Winzerfamilie, die helfen, Material und Körbe mit geernteten Reben den Berg hochzutragen.
Abt Markus freut es: „Das alles verleiht dem Weinberg einen ganz besonderen Charakter und ist ganz in unserem Sinne. Qualität ist auch uns sehr wichtig, geht uns vor Quantität“, unterstreicht er.
Vor dem Beten werden die Weinstöcke bewässert
Der Abt hat in den zurückliegenden Sommern selbst ab und an mit Hand angelegt, etwa beim Jäten von Unkraut, und an heißen Tagen ist er manchmal auch besonders früh aufgestanden, im Morgengrauen, vor der ersten Gebetszeit, um die Rebstöcke zu bewässern. Der drahtige, fast asketisch wirkende Ordensmann verweist auf das Ora und Labora – bete und arbeite – in der Ordensregel, nach der die Mönche im Kloster Marienberg leben. Der Ordensgründer, der heilige Benedikt von Nursia, hält dort fest:
„Erst dann sind sie wahre Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben.“
Das Gebot nehmen die Benediktinermönche im Kloster Marienberg ernst. Insgesamt leben sie hier zu elft: fünf Deutsche, fünf Südtiroler und ein Schweizer. Sie arbeiten in der Seelsorge der umliegenden Gemeinden, in der Jugendarbeit und Erwachsenenbildung sowie in den verschiedenen Bereichen der Abtei, im Klosterladen, in der neuen Bibliothek, in der Gästebetreuung.
Weinkeller aus romanischer Zeit
Die Mönche von Kloster Marienberg knüpfen mit dem Anbau von Wein an alte Traditionen an: Besonders stolz ist Abt Markus in diesem Zusammenhang auf einen Weinkeller aus romanischer Zeit – nachweislich belegt im Jahr 1170. Verwinkelte Gänge führen zu dem Raum unter den Klostergebäuden. Der große alte Schlüssel, den der Abt aus einer Steinnische zieht, öffnet die Tür zu einem Raum mit Steinfußboden, moderner Einrichtung, Weinregalen an der Seite, angenehmem Licht. Wein als Kulturgut, Gemeinschaft stiftend, mit vielen Bezügen zum christlichen Glauben – das ist die Botschaft, die der Raum ausstrahlt.
Benedikts Tipp zum täglichen Weingenuss
Für den ganz alltäglichen Weingenuss gibt der Heilige Benedikt in seiner Ordensregel seinen Mitbrüdern eine weise Maßgabe an die Hand. Benedikt schreibt, „dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt. Wem aber Gott die Kraft zur Enthaltsamkeit gibt, der wisse, dass er einen besonderen Lohn empfangen wird“. Das alte römische Bechermaß Hemina entspricht etwa einem viertel Liter – was heutige Ernährungswissenschaftler ebenfalls für einen gesunden Menschen als verträglich einschätzen.
Autor: Norbert Rönn