Gesegneter Laib

Früh am Morgen duftet es im Kloster Mallersdorf nach frischem Brot. Ordensfrauen backen dort täglich für ihre rund 500 Mitschwestern. In der Backstube verbinden sich Handwerk, Gemeinschaft und Glaube – denn Brot steht im Kloster nicht nur für Nahrung, sondern auch für Dankbarkeit und Zusammenhalt.

Das Brot ist ganz frisch und noch leicht warm. Jetzt ein wenig Butter auf dick geschnittene Scheiben schmieren und etwas Erdbeermarmelade darauf. Schon der Duft allein erinnert an glückliche Kindertage …Dieser Wohlgeruch zieht durch die Backstube des Klosters Mallersdorf in Niederbayern. 

Backwaren für 500 Mitschwestern

Ein Team von Ordensfrauen ist hier am frühen Morgen mit dem Backen von Brot oder Brötchen beschäftigt. An der Spitze steht Schwester Gertraud Grillmeier. Seit 1979 ist sie die Bäckermeisterin im Mutterhaus der „Armen Franziskanerinnen von der heiligen Familie“. Zusammen mit den Schwestern Claretta, Dagmar, Elke, Engelgard und Meinhildis versorgt sie ihre rund 500 Mitschwestern auf dem Klosterberg mit Backwaren. Denn das Mutterhaus, sozusagen die Zentrale der Ordensgemeinschaft, ist auf Selbstversorgung ausgerichtet. Teilweise stammt das Mehl für die Klosterbäckerei von den klostereigenen Getreideäckern. 

Kunst des Brotbackens

Die Kunst des Brotbackens ist viel Handarbeit in Mallersdorf: vom Abwiegen der Zutaten für die Rezepturen bis zum Abnehmen der gebackenen Brote von einem Laufband, auf dem sie aus dem Ofen fahren. Elektrische Maschinen kneten dagegen den Teig, portionieren ihn zum Teil und übernehmen das „Lang- oder Rundwirken“ in die typische Form der Laibe. „Wir sind gut ausgestattet, denn wir sind nur Frauen hier, da lassen wir uns gerne von den Maschinen helfen“, sagt Schwester Gertraud schmunzelnd.

Jeden Tag steht eine der Schwestern gegen drei Uhr in der Nacht auf und kümmert sich um den Brotteig. 

Ihre Mitschwestern trifft sie dann zum Gebet der Laudes und zur Frühmesse um 6 Uhr wieder. Erst nach der Messe und dem Frühstück geht es zurück in die Backstube, wo nun das eigentliche Brotbacken beginnt. 

Unser täglich Brot

Brot ist ein Grundnahrungsmittel, von dem heute allezeit genügend zur Verfügung steht. Wie viel es darüber hinaus bedeutet, zeigt zum Beispiel die Redewendung „in Lohn und Brot stehen“. Das Brot drückt alles aus, was zum Überleben und zum Leben an sich nötig ist. 

Die Bitte darum gehört daher ganz selbstverständlich in das wichtigste christliche Gebet, das „Vaterunser“: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ 

Dass wir haben, was wir brauchen, verdanken wir nicht nur unserer eigenen Leistung, sondern auch anderen Menschen, der Schöpfung – und vor allem ihrem Schöpfer. Daran denken auch die Mallersdorfer Bäckerinnen, wenn sie beim Teigkneten ein kleines Kreuz in die weiche Masse ritzen. 

Klosterbrot nach eigenem Rezept

In Mallersdorf wird im Wesentlichen das würzige Klosterbrot (aus 80 Prozent Roggen und 20 Prozent Weizenmehl) und Dinkelvollkornbrot hergestellt. Bäckermeisterin Gertraud hat die Rezepte dafür selbst entwickelt und immer mehr verfeinert. Jeden zweiten oder dritten Tag backen die Schwestern Brot, an den Tagen dazwischen Semmeln und „Stangerl“, beides aus unterschiedlichen Brötchenteigen. 

Schwester Gertraud, die 62-jährige Bäckerei-Chefin, gibt beim Brötchenbacken ein hohes Tempo vor. Den Teig aus dem großen Kessel, der gerade aus der Knetmaschine gerollt wurde, portioniert sie auf einer Arbeitsplatte. 

Eine Waage zum genauen Abmessen steht bereit. Doch die Meisterin braucht sie nicht wirklich.

Die nötige Menge hat sie im Blick, im Handgelenk. Ein kurzer Griff in eine Mehlschüssel, dann reißt Schwester Gertraud einen Teil der Teigmasse ab und wirft ihn auf die Waage: „Passt.“ 

Jeder Handgriff sitzt

Mit kräftigem Zugreifen formt sie den Teigbatzen leicht vor und setzt ihn auf die mehlige Fläche der Arbeitsplatte. Wieder der Griff in die Mehlschüssel, dann in den Teigbottich. So geht das im Sekundentakt. Und dazwischen gibt sie den Mitschwestern Anweisungen: „Die Milch-Semmeln müssen in den Ofen!“ Oder: „Sind die anderen Semmeln schon ausgekühlt?“ 

Eine Maschine formt aus den einzelnen Teigbatzen surrend und rüttelnd kleine Teiglinge. Schwester Claretta und Schwester Elke setzen die Portionen auf vorbereitete Bleche. Die dürfen auf einem Wagen im Gärraum kurz ruhen, bevor es in den Backofen geht. 

Im Matthäus-Evangelium heißt es: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Er hat mehr als nur „Brotbedürfnisse“, er braucht andere Menschen, Freundschaft, Liebe, Anerkennung und einen Lebenssinn. Und – so heißt es im Matthäus-Evangelium weiter – „er lebt von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“. Als religiöses Wesen aus Leib und Seele hat der Mensch ein spirituelles Bedürfnis nach einem Gegenüber, das ihn selbst übersteigt.  

Beitrag zum Gelingen der Gemeinschaft

Als Symbol für das Lebensnotwendige oder als Mahnung zur Dankbarkeit hat das Brot in vielen Religionen eine Bedeutung. Doch es steht auch für das Zusammenkommen vieler Teile zu einem großen Ganzen, bestätigen die Ordensfrauen. „Aus vielen Körnern, die gemahlen werden, wird ein Laib Brot, der viele stärken kann“, sagt die Mallersdorfer Bäckermeisterin. Ihre eigene Arbeit versteht Schwester Gertraud ähnlich: als einen Beitrag zum Gelingen der Gemeinschaft. 

Gute Stimmung in der Küche

Als sie 1972 bei den Mallersdorfer Schwestern eintrat, wäre die Oberpfälzerin, viel lieber in die klostereigene Landwirtschaft mit Feldern, Wiesen und Viehställen gegangen. „Aber es hieß, es wird in der Backstube jemand gebraucht“, erzählt sie. Mit der Bäckerlehre und der Meisterprüfung lag Schwester Gertraud dann aber doch richtig. „Ich spüre, ich kann auch so meinen Teil für die Gemeinschaft beitragen und anderen damit Freude bereiten“, sagt sie. 

Selbst wenn es mal hektisch zugeht in der Backstube, bleiben die Schwestern gelassen. Sie scherzen oder singen auch gerne einmal. 

Vielleicht kommt die gute Stimmung daher, dass in ihrer Backstube nicht nur die Arbeit im Vordergrund steht. „Sie muss erledigt werden, aber wir haben sie so eingeteilt, dass wir unsere Gebetszeiten einhalten können. Denn die sind im Kloster das Wichtigste“, betont Schwester Gertraud. Außerdem soll es mit einer gewissen Ruhe zugehen: „Wir wollen ja nicht aus dem Trubel der Backstube direkt in die Kirche marschieren.“

Später schauen andere Schwestern aus dem großen Kloster vorbei und holen die Brötchenkörbe ab – für die Krankenstation, Gäste, den großen Speisesaal und für die Handwerker, die gerade am Dach des Klosters arbeiten.

 „Heute gibt’s bei uns alles gratis“, meint Schwester Claretta lachend. 

Und ruft einer weiteren Mitschwester, die eben den Kopf zur Tür reinstreckt und gerne noch zwei Semmeln extra hätte, zu: „Nehmen’ s nur Schwester! Wir haben Gott sei Dank genug von allem.“

Autor: Hubert Mathes

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