Zuhause im Bauwagen
Der bunt bemalte Bauwagen mit dem vorgespannten grünen 20-PS-Kramer-Traktor weckt die Neugier der Wanderer und Jogger auf dem Waldparkplatz bei Speyer. Immer wieder werde er auf Peter Lustig angesprochen, den früheren Hauptdarsteller der ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“, erzählt Wolfgang Rüdell, an das Frontfenster seines Wohnwagens gelehnt. Die Fernsehreihe kenne er zwar nicht näher, jedoch hätten ihn tatsächlich Kinder mit ihrer Erzieherin auf die Idee gebracht, seinen Bauwagen bunt
anzumalen.
Klein und fein
Der 70-Jährige mit dem kurz geschnittenen weißen Bart und den Igelhaaren blinzelt in die Morgensonne und lädt dann zu einem Kaffee in seine „Luxusherberge“ ein, wie er augenzwinkernd sagt.
Das Innere hat er zu einem Ein-Zimmer-Appartement umgebaut – mit Schlafplatz, Waschecke, Propan-Gasherd und an den Wänden jede Menge Bücher über Architektur und Kirchenbauten.
„Die Bücher sind in der kühleren Jahreszeit eine zusätzliche Isolierung“, erläutert Rüdell. Er räumt Kartenmaterial von seinem kleinen Küchen- und Wohnzimmertisch und stellt den Espresso-Kocher auf den Herd. „Ich habe hier alles, was ich brauche“, sagt er. Für Strom zum Nachladen der Batterie sorgen ein Mini-Windrad am Heck des Wagens und Solarzellen auf dem Dach.
Er reist den Baudenkmälern hinterher
Wolfgang Rüdell schenkt Kaffee ein, stellt den Kocher zurück und beginnt zu erzählen. Er habe viele Jahre als Steinrestaurator an historischen Bauwerken gearbeitet, an der Wieskirche im bayerischen Pfaffenwinkel etwa oder auch am Bremer Rathaus. Aber meist sei wenig Zeit geblieben, um andere architektonische Kostbarkeiten der Region zu genießen.
Seit der gebürtige Bamberger im Ruhestand ist, ist das anders. Mit seinem Traktor-Bauwagen-Gespann reist er nun gemächlich und mit viel Zeit den Baudenkmälern hinterher – quer durch Deutschland und das angrenzende Ausland.
Ein Traum wird wahr
Wolfgang Rüdell erfüllt sich einen Traum. Schon vor der Rente plante er das außergewöhnliche Projekt. Er suchte einen passenden Traktor und fand ihn, fast zugewachsen von einer Brombeerhecke. Mit einer neuen Batterie sprang er jedoch ohne Murren an. Der handwerklich geschickte Steinexperte machte ihn wieder verkehrstüchtig und besorgte sich dann den alten Bauwagen, „entkernte“ ihn und richtete ihn für seine Zwecke her.
Das war vor mehr als fünf Jahren. „Mit zwölf Stundenkilometern bin ich jetzt unterwegs. Schneller geht nicht, dann werde ich zu sehr durchgeschüttelt“, berichtet er. Fast das ganze Jahr lebt er so.
Eine eigene Wohnung hat er nicht mehr. Wird der Winter zu frostig, schlüpft er bei seinem Bruder unter.
Wenn der rüstige Rentner mit seinem schwarzen Schlapphut auf dem alten Traktor sitzt, sieht er schon etwas abenteuerlich aus. Als Aussteiger betrachtet sich Wolfgang Rüdell jedoch nicht. Seine Lebensweise zeige, dass man wenig Besitz brauche – „und doch zufrieden sein kann“, wie er hinzufügt.
Ein Navi braucht er nicht
Bei seinen Touren braucht Wolfgang Rüdell keine technischen Hilfsmittel. Sein „Navigationsgerät“ ist das „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ von Georg Dehio. Griffbereit liegt es auf dem Tisch. Das Lesezeichen steckt am Beginn der Seiten über Speyer, der Salierstadt mit ihrem grandiosen Kaiserdom aus dem Mittelalter.
Damit er mobil ist, einkaufen und die sehenswerten Kunst- und Baudenkmäler der Umgebung aufsuchen kann, hat Wolfgang Rüdell einen Roller huckepack auf seinem Wohnwagen dabei.
Er habe eine Schwäche „für die Schönen vom Lande“, sagt er und meint damit die vielen sehenswerten Dorfkirchen.
In Speyer stößt natürlich der Dom auf das besondere Interesse von Wolfgang Rüdell. Er war in früheren Zeiten einmal als „Kurzbesucher“ in der Stadt, jetzt lässt er sich Zeit für die Begegnung mit dem Gotteshaus, das einst das größte der Christenheit war. Er schaut, fasst den Stein an, will die Botschaft erspüren. Er betrachtet von außen die Mauerstruktur, vertieft sich in die Geschichte, die sich daraus erschließt, macht sich Gedanken, wie dies Besuchern vermittelt werden könnte.
Die Entdeckungsreise geht weiter
Auf dem „Terminplan“ des Besuchers in Speyer stehen an diesem Tag noch die Mikwe – das gut erhaltene jüdische Ritualbad – und das Historische Museum der Pfalz. Am späten Nachmittag macht sich Wolfgang Rüdell wieder auf „nach Hause“, zu seinem Wohnwagen auf dem Waldparkplatz.
Einsam fühle er sich nicht, unterstreicht er. Er hat seinen Lebensweg gefunden.
Und so lange es „körperlich geht“, will er mit seinem Traktor und seinem Bauwagen weiterziehen. „Es gibt noch viel zu entdecken“, sagt er.
Autor: Norbert Rönn