Allein unter Schafen
Robert Gellweiler sitzt im Wohnzimmer des alten Bauernhauses, das er zusammen mit seinen Eltern bewohnt. Das Gebäude mit dem angrenzenden Schafstall befindet sich in dem Dorf Schmidthachenbach im Hunsrück. Rund 400 Menschen leben hier. Es hat noch einmal geschneit, und auf den Wiesen liegt eine dünne weiße Schicht. Im Kamin brennen die Holzscheite, seine Mutter kocht Kaffee.
Angenehme Gelassenheit
Den grauen Filzhut hat Gellweiler in die Stirn gezogen. Der 49-Jährige strahlt eine angenehme Gelassenheit aus. Schwer vorstellbar, was ihn aus der Ruhe bringen könnte. Bevor er die Schafe zeigt, wirft er sich einen Kittel über den Wollpullover. Direkt aus der Wohnstube führt eine Treppe in den Stall. Mit langen Schritten geht er voran.
Im Stall wird es laut
Jetzt ist es mit der Ruhe vorbei. Rund 400 Schwarzkopf- und Merinoschafe hat Gellweiler momentan im Stall, darunter viele Lämmer. Die Tiere sind neugierig, laufen umher, springen auf die Holzbalken an den Außenwänden der Halle und wieder herunter und erfüllen den Raum mit ihrem Blöken. Flink laufen sie auseinander, als Gellweiler zu ihnen kommt und ein Lamm auf den Arm nimmt.
Leben im Rhythmus der Schafe
Nur im Winter sind seine Schafe im Stall untergebracht. In der Zeit von März bis zum Ende des Jahres leben die Tiere dagegen draußen, auch über Nacht. Im Dezember und März kommen die Lämmer zur Welt.
„Die Schafe schaffen das ganz gut alleine, wirklich helfen muss man den Tieren eigentlich nicht“, sagt der Schäfer.
Dennoch steht er manchmal mehrmals in der Nacht auf, um das Geburtsgeschehen zu beobachten und notfalls einzugreifen. In 15 bis 20 Minuten ist ein Lamm auf der Welt, schon kurz danach trinkt es bei seiner Mutter die erste Milch. Für den Schäfer eine glückliche und zugleich harte Zeit: „Ich habe schon tausend Lämmer gesehen, aber ich freue mich immer wieder über jedes neue. Und dann freue ich mich wieder, wenn die Zeit vorbei ist“, erzählt er.
Die Lämmer entwickeln sich schnell: Schon nach zwei Stunden können sie mehrere hundert Meter laufen, nach einem Tag ein paar Kilometer. Nach zwei Wochen sind sie in der Lage, selber zu fressen. Sobald die Lämmer genügend Gewicht haben, entscheidet Gellweiler, welche Tiere zum Schlachter gebracht werden.
Große Gefühlsregungen erlaubt er sich dabei nicht, denkt pragmatisch, denn es ist „nun mal der Lauf der Dinge.“
Der Sommer ist die schönste Zeit
Wenn der Sommer kommt, beginnt für den Schäfer die schönste Zeit mit den Schafen, draußen in der Natur. „Ich freue mich, wenn die Tiere auf der Wiese sind, die kleinen Lämmer ihre ersten Grashalme fressen“, erzählt Robert Gellweiler.
„Wenn Zeit ist, lege ich mich ins Gras und schaue einfach in den Himmel.“
Mit dabei sind seine beiden altdeutschen Hirtenhunde, treue Begleiter, die die Schafe in Schach halten.
Krank war er noch nie
Bereits sein Vater war Schäfer, von ihm hat er auch die Herde geerbt. „Für mich war immer klar, dass ich die Schafe übernehme“, sagt Robert Gellweiler. Bereut hat er diese Entscheidung nicht. Gellweiler ist ein Einzelkämpfer. Ab und zu hilft sein Vater ihm aus, ansonsten ist der 49-Jährige auf sich allein gestellt. Krank war er in seinem bisherigen Arbeitsleben noch nie, und das dauert schon 30 Jahre.
Zwanzig Jahre im Wohnwagen
Lange befand sich Robert Gellweilers Weideland in Schönecken in der Eifel, rund 120 Kilometer vom heimatlichen Hof entfernt. Zwanzig Jahre lebte er dort in einem Wohnwagen, zumindest während der Monate, in denen die Schafe draußen waren. Vor zwei Jahren sicherte er sich Weideflächen in der Nähe des Hofes, seitdem wohnt er wieder in einem Haus. „Darüber bin ich froh“, gibt er zu.
„Ich habe lange im Wohnwagen gelebt, das war in Ordnung. Aber jetzt, vielleicht auch weil ich älter geworden bin, will ich davon nichts mehr wissen.“
Schafe sind Landschaftsschützer
Immer wieder zieht Gellweiler mit seinen Schafen jedoch auch auf ein anderes Weideland. So erzielt er einen Großteil seines Einkommens – neben dem Verkauf von Wolle und Fleisch. Denn indem seine Tiere Grünflächen beweiden, verhindern sie, dass Büsche und Sträucher unkontrolliert wachsen. „Die Wiesen und Weiden bieten Lebensraum für ganz viele Pflanzen und Tiere“, erklärt Robert Gellweiler.
„Die Schafe fressen die Blumen und Gräser, ganz natürlich, das ist besser als mit der großen Maschine drüber zu fahren, und günstiger auch.“
Im Vergleich zu Pferden und Kühen haben die Schafe kleine Hufe und ein schmales Gebiss. Sie beißen Grashalme und Kräuter ab, ohne sie auszurupfen – ein schonendes Rasenmähen. Für diese Landschaftspflege stellen die EU und ein Teil der Länder Gelder zur Verfügung. Doch die Bezahlung ist nicht hoch, und es werden immer mehr Grünflächen verbaut oder für die Landwirtschaft genutzt. Das könnte auf Dauer dazu führen, dass der Schäfer mit seiner Herde kein Weideland mehr findet.
Die Zukunft der Schäferei
Um den Menschen zu zeigen, welchen wertvollen Beitrag die Schäferei zum Naturschutz leistet, haben sich im Jahr 2010 Hirten aus Holland, Belgien, Luxemburg und Deutschland zusammengetan und sind in einem Staffellauf von Berlin nach Trier gezogen – mit ihren Schafen.
Egal, in welche Stadt sie kamen, ob bei Regen oder Sommerhitze, die Menschen ließen sich das Spektakel nicht entgehen. Das war das Ziel: Aufmerksamkeit erzeugen. „Viele wissen gar nicht, was wir so tun, und dass es sich lohnt, in den Fortbestand der Schäfereien zu investieren“, erzählt Robert Gellweiler. Er selbst war zehn Tage mit dabei.
„Der Hirtenzug war für mich ein absolutes Highlight. Die Bilder bleiben sicher noch ganz lange im Kopf“, schwärmt er.
Auch wenn die Hunde den Schäfer unterstützen, muss er die Herde die ganze Zeit im Blick haben. Immer wieder einmal bricht sich ein Schaf ein Bein, tritt in Dornen oder verfängt sich im Stacheldraht. „So was passiert. Das ist normal“, sagt der Schäfer. „Ich nehme dann das Tier und versorge es.“
Im Dauereinsatz für die Schafe
Einmal im Jahr werden die Schafe geschoren. Daneben muss Gellweiler dafür sorgen, dass er Grasflächen auftut, auf denen die Tiere genug Futter finden. Zudem muss er sich um die Buchhaltung kümmern, einen Schlachter für die Lämmer suchen und Anträge stellen, wenn er zum Beispiel einen neuen Stall bauen will. Das bedeutet Dauereinsatz: Feiertage, Wochenenden, Urlaub gibt es in seinem Leben nicht, er vermisst es auch nicht.
„Mir reicht es schon, wenn ich in die Stadt fahre und Weihnachtseinkäufe machen muss. Das ist nicht meine Welt“, sagt er und schüttelt den Kopf.
Auch eine Beziehung zu führen oder eine Familie zu gründen, ist schwierig. Die Schafe lassen keinen geregelten Achtstundentag zu.
Ein Exot in der Konsumwelt
In der modernen Welt, die schnelllebig ist, in der Geld und materieller Reichtum das Selbstwertgefühl mitbestimmen, wirkt Gellweiler wie ein Exot – ein Mann, der so unbeeindruckt von all den Dingen ist, die sonst so wichtig erscheinen. Ob er sich manchmal einsam fühlt? Er reagiert erstaunt:
„Nein, ich bin nicht einsam“, sagt er und lächelt.
Wer auf weitere Erklärungen oder Ausführungen hofft, wird enttäuscht. Und eigentlich gibt es auch nicht mehr zu sagen.
Autorin: Steffi Piening