Ist der Weg das Ziel?
Frage ich jemanden nach seinen Zielen, erlebe ich ganz unterschiedliche Emotionen, in aller Regel eine abwehrende Haltung. Werde ich persönlich danach gefragt, kann es sein, dass ich verunsichert reagiere, sich mein schlechtes Gewissen meldet und ich, je nach Tagesform, auch mal mit mir hadere. Allein die Erinnerung an vermeintlich verpasste Chancen frustriert mich oder macht mich traurig.
Das Thema „Ziel“ bringt etwas in mir in Bewegung.
Sich ein Ziel zu setzen, erzeugt erst mal Druck: Schon wieder eine Forderung, etwas erreichen zu müssen! Es gibt eh schon genug, was man von mir verlangt. Offensichtlich sind es die Erwartungen, die diese innere Schwere erzeugen. Vielleicht kennt mancher das von den Eltern, den Lehrern in der Schule, vom Chef.
Wozu unter Druck setzen?
Auch in Beziehungen sind Erwartungen an den Partner immer wieder Grund für Diskussionen. Ich nehme an, dass diejenigen Ziele Frustration auslösen, die von außen kommen, also solche, die andere uns vorgeben. Wozu sich selbst dann auch noch unter Druck setzen?
Lieber bin ich zufrieden, so wie es ist und mit dem, was ich habe.
Hinter der Befürchtung, das gesteckte Ziel nicht erreichen zu können, verbirgt sich möglicherweise ein Konflikt. Denn was geschieht, wenn ich erfolgreich bin und mein Wunsch sich erfüllt? Am Ziel anzukommen heißt, am Ende eines Weges zu sein. Schließe ich etwas ab, befällt mich eine Ahnung von Vergänglichkeit.
Was kommt nun? Bin ich hier wirklich richtig? Ein Gefühl von Leere steigt da rasch hoch.
Und wie geht es jetzt weiter? Wieder ein neues Ziel? Es kann Angst machen, anzukommen. Ganz in diesem Sinne hat sich auch einmal die österreichische Schriftstellerin Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach geäußert: „Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.“
Leben heißt Unterwegssein
Im Leben geht es unzweifelhaft ums Unterwegssein. Offenbar ist es der Raum zwischen Aufbruch und Ankommen, der uns Menschen zufrieden und glücklich macht. Der Aufbruch fordert uns, in Bewegung zu kommen, das Ziel bedeutet Stillstand und führt uns unsere Endlichkeit vor Augen.
Schon der chinesische Philosoph Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.) hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Frei übersetzt und sehr vereinfacht meinte er:
„Der Weg ist das Ziel.“
Dieser Sinnspruch wird gerne benutzt, um die zunehmende Neigung unserer Gesellschaft zur Unverbindlichkeit zu untermauern. Denn wozu soll ich mich anstrengen, wenn schon der Weg das Ziel ist? Wieso muss ich immer etwas erreichen? Auf dem Weg bin ich doch schon! Ich habe alles in die Wege geleitet. Jetzt kann ich getrost abwarten, bis das Ziel auf mich zukommt.
Ohne Zielsetzung geht es nicht
Wenn das klappen würde, wäre das zweifellos eine große Erleichterung, könnte man meinen. Dass dem aber nicht immer so ist, merken wir schon, wenn wir uns heute ins Auto setzen. Ein Navigationsgerät hilft uns nur weiter, wenn wir ihm unser Ziel verraten und zwar so konkret wie möglich. Ganz ohne Zielsetzung geht es nicht.
Ankommen können wir nur, wenn wir wissen, wo wir hin möchten.
Ziel gläubiger Menschen aller Religionen ist es, zu Wallfahrtsorten zu pilgern. Die Länge der Wallfahrt mag unterschiedlich sein, aber das Wegziel hat jeder Pilger vor Augen. Ähnlich ist es mit unserem Lebensweg. Egal, welchen Weg wir gehen, jeder hat ein Ziel. Und wir sollten zumindest eine Ahnung davon haben, wo wir ankommen wollen.
Orientierung ist wichtig
Denn wir benötigen Ziele, um uns zu orientieren. Nur mit Orientierung können wir Entscheidungen treffen, in welche Richtung es geht, welchen Weg wir an der nächsten Abzweigung nehmen. Orientierungslos unterwegs zu sein, kann bedeuten, im Kreis zu laufen. Die Folge: Frustration und fehlende Motivation, weiterzugehen.
Nicht jedes gesteckte Ziel muss erreicht werden.
Erkenne ich unterwegs, dass sich meine Ansichten, Überzeugungen und Prioritäten verändert haben, werde ich mein Ziel neu festlegen. Wer seinen Weg selbst bestimmt, übernimmt Verantwortung dafür, wo er gerade steht. Er beschließt selbst, wo es langgeht, und wird anderen Leuten keine Vorwürfe machen, wenn er in eine Sackgasse geraten ist. Selbstbestimmung bedeutet, das Ruder in der Hand zu behalten.
Unsere Lebensthemen
Besonders beim meditativen Wandern haben wir Zeit, uns den bedeutenden Themen des Lebens zu widmen. Vieles, was bislang scheinbar so wichtig war, können wir freigeben. Dann genießen wir den Augenblick und vergessen das räumliche Ziel. Die Gedanken bleiben hier, an dem Ort, an dem wir uns im Moment befinden. Wir müssen nichts erreichen. Alles was wir brauchen, tragen wir bereits in uns.
Dann ist das Unterwegssein das Ziel – mit all den Begegnungen, Erlebnissen und Erfahrungen des Weges.
Autor: Norbert Parucha