Die Stille in mir
Wieder einmal klingelt das Handy. Kurz danach weist uns ein Ton des Smartphones auf eine E-Mail hin – oder war es vielleicht eine Nachricht über „Whats App“? Es wäre auch an der Zeit, mal wieder einen Kommentar via Twitter abzusetzen. Und der Facebook-Account müsste eigentlich ebenfalls aktualisiert werden.
Sehnsucht nach Stille
Rund um die Uhr können wir heute miteinander kommunizieren. Über die Medien befinden wir uns in einem unaufhörlichen Informationsstrom. Gerade deshalb ist die Sehnsucht nach Stille besonders groß geworden.
Viele leiden darunter, ständig erreichbar zu sein.
Und wenn man andere beobachtet, stellt man häufig fest, dass sie nicht miteinander im Gespräch, sondern fast gebannt mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Bei manchen Menschen kann man sogar eine Angst vor der Stille beobachten. Schließlich könnten auf einmal unangenehme Gedanken auftauchen, die sie mit Unstimmigkeiten im eigenen Leben konfrontieren. Trotzdem: Viele Menschen wünschen sich mehr Ruhe, vielleicht auch mehr Zeiten des Alleinseins.
Schweigen ist ein kostbares Gut geworden
Man kann es förmlich körperlich spüren, wie eine Last von einem abfällt, wenn man sich nach einem hektischen Tag auf eine Bank setzt, tief durchatmet, schweigt und seine Umgebung mit allen Sinnen wahrnimmt.
Die Stille kommt einem dann wie ein heilendes Bad vor.
Schweigen ist in unserer Kommunikationsgesellschaft zu einem kostbaren Gut geworden – und für viele auch zu einem Wagnis. Denn mit einem vertrauten Menschen kann man schweigend die Zeit teilen und sich dabei sehr nah fühlen. Mit Unbekannten jedoch entsteht in der gleichen Situation oft ein Gefühl der Beklemmung.
Deshalb will Schweigen geübt sein. Viele Klöster beispielsweise bieten Schweigekurse an. Auch zu den Exerzitien, den geistlichen Übungen, gehören Zeiten des Schweigens, des Gebets und Meditationsphasen.
Exerzitienkurse finden in Häusern der Stille, in Klöstern oder speziellen Exerzitienhäusern statt.
Während solcher Tage der Zurückgezogenheit kann man innerlich wachsen, sich selbst betrachten und sich mit Gott verbunden fühlen. Zum Teil fünf Stunden täglich verbringen die Teilnehmer gemeinsam in stiller Konzentration, in der Betrachtung der Bibel sowie Schriften der Kirchen- und Ordensväter.
Zeit verbringen, ohne ein Wort zu wechseln
Am Anfang ist es ungewohnt, mit anderen die Stunden zu verbringen, ohne ein Wort zu wechseln. Aber nach relativ kurzer Zeit merkt man, dass man sich auch anders verständigen kann: durch ein Lächeln, ein aufmunterndes Nicken oder durch freundliche Gesten.
Worte kommen häufig wie von selbst, man spult sie ab, lässt ihnen freien Lauf. Beim Schweigen dagegen überlegt man sich jede Geste, jede Form des Gegenübertretens und pflegt so einen achtsameren Umgang miteinander. Man geht offener auf den anderen zu, nimmt ihn stärker wahr, konzentriert sich ausschließlich auf seine Mimik, Gestik und Körpersprache. Die persönliche Ausstrahlung jedes einzelnen kann so ihre Wirkung entfalten.
Orte der Stille
Orte, an denen die Stille erlebbar wird, kann man jedoch auch in seiner direkten Umgebung finden. Zum Beispiel in einer Kirche, deren Ruhe uns mitten in einer hektischen Fußgängerzone umhüllen kann. Oder bei einem Spaziergang auf Waldpfaden oder an einem See. Mit allen Sinnen können wir dabei wahrnehmen, was sonst an uns vorbeirauscht: das Zwitschern der Vögel, das Geräusch des Windes in den Baumwipfeln, die kräftigen Farben und Grüntöne in allen Nuancen. Die Geräusche der Natur stören die Stille nicht.
Intuitiv wissen wir, dass es unangebracht wäre, einen stillen Ort mit Musik oder dem Klingeln eines Handys zu stören.
Wie man zur Ruhe kommt
Die äußere Stille ist Voraussetzung dafür, dass man auch innerlich still wird. Wer von der Umgebung – zum Beispiel einer unaufgeräumten Wohnung – ermahnt wird, dass er noch viel zu erledigen hat, kommt schwer zur Ruhe.
Mit etwas Kreativität kann sich jeder zu Hause eine kleine Oase der Stille gestalten.
Zum Beispiel in einer gemütlichen Nische eines größeren Raumes, die man für sich herrichtet. Oder sogar in einem eigenen Zimmer, das dem Rückzug dient.
Der Verzicht auf Worte und Lärm ist aber nur die eine Seite des Schweigens, sozusagen die äußere. Oft meldet sich auch unsere innere Stimme: Gedanken und Emotionen bedrängen uns, die tief im Unterbewusstsein vergraben waren und bisher durch die Außengeräusche übertönt wurden.
Regelmäßige Meditation
Um innerlich zur Ruhe zu kommen, sollte man diese Gefühle annehmen, aber nicht bewerten. Auch das kann man lernen – durch regelmäßige Meditation. Dazu setzt man sich entspannt hin, legt die Handinnenseiten wie offene Waagschalen auf den Oberschenkeln ab, schließt die Augen und atmet tief in den Bauchbereich ein und wieder aus. So lange, bis der Atem wirklich ruhig fließt.
Störendes beiseite schieben
Nun kann man innerlich ein positives Wort wiederholen, das man sich vorher überlegt hat, beispielsweise „Licht“, „Wärme“, „Sonne“ oder „Gott“. Diesen Begriff stellt man sich geschrieben vor und betrachtet die Buchstaben vor dem inneren Auge. Alles, was einem sonst in den Sinn kommt und nun stören könnte, schiebt man gedanklich beiseite. Nöte, Probleme und Unerledigtes haben in diesen Minuten keinen Platz. Man meditiert nur über das eine gewählte Wort.
Zu Beginn kann es schwer sein, die Gedanken abzuwehren und sich ganz auf das Wort zu konzentrieren.
Wer diese Übung jedoch regelmäßig wiederholt, kann sich nach einer Weile ganz leicht einen inneren Raum der Stille schaffen.
So gibt es auch in unserer hektischen Zeit zahlreiche Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen. Wer den Aufbruch wagt, wird feststellen, wie heilsam die Stille für Geist, Seele und Körper ist.
Autorin: Petra Altmann