Achtsam im Einklang mit der Schöpfung
Wir können noch tausend Jahre beten – das nützt gar nichts, wenn wir nicht mehr Achtsamkeit gegenüber uns selbst, gegenüber anderen und gegenüber der ganzen Schöpfung lernen“, sagt der Dalai Lama. Wie aber lernen wir Achtsamkeit oder „Ehrfurcht vor allem Leben“, wie es Albert Schweitzer gesagt hat? Kann uns pilgern dabei helfen?
Jeden Tag eine Bilanz, ohne es zu merken
Als Fernsehjournalist will ich den Versuch machen, für den Tag, an dem Sie diesen Artikel hier lesen, eine ökologisch realistische Tagesschau zu formulieren. Meine Hamburger Kolleginnen und Kollegen müssten dann heute Abend um 20 Uhr folgendes sagen: Auch heute wieder sind 150 Tier- und Pflanzenarten ausgestorben, wir haben 50 000 Hektar Wüste zusätzlich produziert, 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden verloren, 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen.
Und morgen geht das so weiter. Oder? Sind wir noch zu retten? Wie schaffen wir Umkehr?
Eine tiefe innere Leere
Unsere moderne Zivilisation gleicht einer spirituellen Wüste. Die Folgen dieser spirituellen Verwüstung gehen aber weit über unser individuelles Leben hinaus. Die immer dramatischer werdende Umweltzerstörung ist ein Abbild einer viel tiefer gehenden Innenwelt-Zerstörung. Wir handeln, als seien wir die letzte Generation. Nach uns die Sintflut.
Der eigentliche Treibstoff unserer Umweltzerstörung ist unsere innere Leere. Seelische Wüsten im Innern führen zur Wüstenbildung im Außen.
Ohne Tiere und Pflanzen keine Menschen: Dieses Naturgesetz können wir nicht ändern. Wir alle stehen auf den Schultern unserer älteren Geschwister im Tier- und Pflanzenreich. Aber mit dem derzeitigen Wirtschaftswachstum wenden wir uns gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Wir sind Teil der Natur.
Naturgesetze verstehen
Wenn wir das Zeitalter der Ausbeutung beenden wollen, dann werden wir lernen müssen, dem Überleben des Lebens zu dienen. Achtsamkeit erzeugt die nötige Wachsamkeit für das, was jetzt zu tun ist, oder für das, was unser Gewissen jetzt anstrebt.
Die Begrünung der Wüsten durch Wiederaufforstung, die Rettung der Urwälder sowie der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien sind die Voraussetzung zur Rettung unseres Weltklimas. Ich beschreibe hier Naturgesetze. Entweder wir verstehen sie und handeln entsprechend oder wir werden von diesem Planeten verschwinden.
Unsere Lebensgrundlagen
Wenn wir wirklich überleben wollen, werden wir lernen müssen, jedes Lebewesen so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen – jedes Tier und jede Pflanze, aber auch die Erde, das Wasser und die Luft. Das sind unsere Lebensgrundlagen. Solange wir aber im Namen des Wirtschaftswachstums unsere Mitwelt vernichten, werden wir unserem Ehrennamen „Homo sapiens“ nicht gerecht.
Ein wichtiger Schritt wäre, den Kostenfaktor Natur in den Preis unserer Produkte einzukalkulieren.
Unser Wirtschaftssystem muss endlich ökosozial organisiert werden. Ökosozial statt marktradikal.
Zeit, um Achtsamkeit zu leben
Der Grund unserer aktuellen Leiden ist unsere seelische Unfruchtbarkeit. Es mangelt uns an Selbsterkenntnis. Wirkliches Bewusstsein und wahrer Fortschritt hin zu einer friedlichen, nachhaltigen Welt sind eben nur über seelisches Wachstum möglich.
Um glücklich zu werden, müssen wir willens sein, weiter zu lernen und uns zu verändern.
Wenn ich bei meinem täglichen Spaziergang mein „Waldbad“ nehme, werden die Ruhe der Landschaft und die Schönheit der Natur übergangslos eins mit dem Frieden in mir. Die Seele pilgert besonders gern zu Fuß und erlebt, dass die Schönheit der Schöpfung göttlich ist, gewissermaßen das Gewand Gottes selbst. In allen Religionen ist Gott schön.
Wälder sind heilsam
In Japan ist waldbaden, dort Shinrin-Yoku genannt, eine eigene Wissenschaft zur Vorbeugung von Krankheiten. An Lehrstühlen für Waldmedizin wird erforscht, wie der Aufenthalt im Wald Bluthochdruck, Stresshormone und Herzfrequenz sinken lässt. Auf der Ostseeinsel Usedom gibt es nun auch hierzulande den ersten „Heilwald“. Vier weitere „Heilwälder“ sind in Planung.
Die Erfahrung des Göttlichen machen
Die Wildnis des Waldes hat eine starke heilende Kraft. Eine Stunde oder ein Tag im Wald, am Meer oder in den Bergen hilft, unsere Körper zu entkrampfen. Die Seele findet zu neuer Energie. Die Natur ist ein großes Gebet, ein Ort der Stille, der uns zur inneren Ruhe bringt. Es ist, als würde Gott unsere Seele küssen. In der Stille des abendlichen Waldes wird das Schweigen des Göttlichen zur größten Nähe.
Und gerade in diesem Moment kann uns die leise Stimme unseres Herzens vertraut werden lassen mit der Melodie unserer Seele. So wird unser Inneres zum Tempel des göttlichen Herzschlags. Im Gebet sehen wir mit den Augen des Herzens. Meine Erfahrung ist, dass Beten heilt und zu innerem Frieden führt. Beten durchdringt Mauern und überspringt Kontinente, verbindet Himmel und Erde, Lebende und Tote. Rein rational ist es eine kaum fassbare geistige Kraft.
Lebenselixier der Waldbiologie
Nirgendwo sonst erleben wir Leben in solcher Hülle und Fülle wie im Wald. Üppig grün wölben sich die Moose dem Regen entgegen. Sie haben die Kraft der Wolken angezapft. Es riecht nach Moos, nach Erde und Regen. Nach dem Regen höre ich die Bienen summen und brummen.
Die Walderfahrung schenkt die notwendige Demut, um Dankbarkeit gegenüber der Natur zu lernen.
Ich sehe auch umgestürzte Bäume zuhauf. In der Fachsprache werden sie „Totholz“ genannt. In Wahrheit sind sie jedoch das Lebens-Elixier der Waldbiologie. Käfer, Ameisen und sogar bestimmte Bienenarten leben in und von diesem Holz und bestimmen das fein abgestimmte Netzwerk, das zwischen
allen Organismen in und über dem Waldboden verläuft.
Die Kraft des Waldes hellt die Stimmung auf
Dass der Wald auch uns existentiell gut tut, können wir in uns selbst spüren. Inzwischen erforscht auch die Wissenschaft das heilende Band zwischen Mensch und Natur. Der österreichische Biologe Clemens Arvay hat aufgezeigt, dass Bäume und Pflanzen mit unserem Immunsystem kommunizieren und dabei unsere Widerstandskräfte stärken, ja sogar, dass Bäume Substanzen absondern, die gegen Krebs wirken.
Sinn und Glück finden
Ein heilendes Waldbad gönne ich mir täglich etwa 40 Minuten – meist in der Stille des Abends und oft im Schein des Mondes und der Sterne. Das sind die Wege, auf denen mir erst im Laufe meines Lebens klar wurde, dass uns keine Leitfigur helfen kann, Sinn und Glück zu finden, wenn wir es letztlich nicht selber tun:
„Hilf Dir selbst, dann hilft dir Gott.“
Jesus und Buddha, Gandhi und der Dalai Lama können dabei freilich große Anreger und Lehrer sein.
Unsere Erde - eine große Schatzkiste
Wir leben auf einem Planeten voller Reichtum und Schönheit und bergen in uns noch weit wertvollere Schätze. Dabei ist der wirkliche Heiler im Hintergrund Gott selbst. Er ist der große Geist, er heilt die Kranken wirklich und befasst sich mit den Störungen der Seele. Jede wirkliche Religion ist ein psychotherapeutisches System, vielleicht das ausgefeilteste überhaupt.
Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung sprach dabei von einem „inneren Gott“. Auch das Lukas-Evangelium sagt uns: „Sein Reich ist in uns.“
Denn wollen wir Gott erfahren, finden wir ihn durch die tiefe Erforschung unserer Seele.
Nur so kann uns bewusst werden, können wir klar sehen und fühlen, was die Auswirkungen unseres jeweiligen Handelns sind. Religiöse Menschen sind solche, die nach der Wahrheit suchen. Diese – so habe ich beim Pilgern erfahren – wohnt in unserem Herzen.
Autor: Franz Alt