Ich bin mir selbst ein Freund

Viel zu häufig nörgeln wir an uns herum. Dabei sollten wir uns selbst besser sorgsam und liebevoll behandeln – ähnlich wie einen guten Freund. Dabei helfen Rückzugsräume im Alltag schaffen, achtsam auf die innere Stimme hören und Schritt für Schritt Frieden schließen mit der eigenen Unvollkommenheit. Denn wer sich selbst annimmt, wie er ist, entdeckt darin oft auch einen neuen Zugang zu anderen Menschen – und zu Gott.

„Du hast null Freunde!“ In großen Lettern blinkte mir diese Nachricht entgegen, als ich aus beruflichen Gründen eine Facebook-Seite eröffnete. Keine erfreuliche Ansage! Doch glücklicherweise schloss sich die Ermutigung an: „Wir helfen dir, Freunde zu finden.“

Ich bin auf dieses Angebot ebenso wenig eingegangen, wie ich der Null-Freunde-Aussage Glauben geschenkt habe. Doch ich wurde nachdenklich: „Melanie, du weißt um Freunde an deiner Seite, auf die du bauen kannst und die sich umgekehrt auf dich verlassen können. Doch wie sieht es im Umgang mit dir selbst aus? 

Bist du – im Großen und Ganzen – mit dir und deiner Geschichte befreundet? 

Ich bin davon überzeugt: Diese Frage zu stellen lohnt sich. Denn ich bin die Person, mit der ich die längste Zeit meines Lebens zusammenlebe – genau wie alle Menschen lebenslang an sich selbst gebunden sind. Deshalb sollte eigentlich auch jeder ein großes Interesse daran haben, die Beziehung mit sich zu pflegen. 

Die Beziehung zu uns selbst, pflegen wir selten

Doch sowohl im eigenen Leben, als auch in meiner seelsorgerlichen Tätigkeit stoße ich auf das Gegenteil: Häufig bringen wir der Beziehung mit der eigenen Person nur wenig Aufmerksamkeit entgegen und haben kein Interesse daran, uns näher kennenzulernen. Möglicherweise wollen wir auch gar nicht so genau wissen, wie es uns geht. 

Mir selbst auf die Schulter klopfen

Darüber hinaus stimmen die vielen feindseligen Redewendungen in unserer Alltagssprache nachdenklich, wie etwa „Ich könnte mir in den Hintern treten“ oder „mich selbst ohrfeigen.“ Positive Redewendungen hingegen gibt es kaum. Und kommt doch einmal ein wertschätzender Ausdruck daher wie „Ich könnte mir selbst auf die Schulter klopfen“, dann klingt dies schillernd, denn: Eigenlob stinkt!  

Was hilft dabei, Freundschaft mit der eigenen Person zu schließen? 

Eine zwischenmenschliche Freundschaft lebt vom echten Interesse aneinander. Mit einem Freund oder einer Freundin will ich Zeit verbringen. Umgekehrt beginnt eine Freundschaft zu bröckeln, wenn eintausend andere Dinge wichtiger erscheinen als ein gemeinsamer Abend. Fehlendes Engagement und Desinteresse untergraben eine vertrauensvolle Beziehung – bis sie dann irgendwann wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. 

Das Interesse an der eigenen Person

Was bedeutet dies nun für die Beziehung mit sich selbst? Es braucht zuallererst ein waches Interesse an der eigenen Person. Vielleicht denken Sie: „Was soll denn daran besonders sein? Jeder und jede ist sich selbst die Nächste.“ 

Den Alltag so zu gestalten, dass wir immer wieder neu den Kontakt mit uns suchen, verdankt sich einer bewussten Lebenskultur. Zwar seufzen viele sehnsüchtig:

„Hätte ich doch mehr Zeit für mich!“ 

Kleiner Realitätscheck

Pflegen Sie eine Kultur des Rückzugs und der Selbstreflexion? Schenken Sie den verschiedenen Stimmen in sich Gehör: der Sprache des Körpers und der Gefühle, der Träume und Ängste? Lauschen Sie auf die substanziellen Fragen, die auftauchen, wenn Sie mit sich allein sind? 

Ein regelmäßiger Rückzug in die Stille kann dabei helfen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. In der Stille können Sie erleben, dass Sie einfach da sein dürfen, ohne etwas leisten oder machen zu müssen. 

Wir gehen hart mit uns ins Gericht

In unserer Gesellschaft herrscht die Tendenz, an der eigenen Person herumzunörgeln oder sich für Schwächen niederzumachen. Vor allem, wenn es um das eigene Aussehen geht, lässt der innere Selbstkritiker oft kein gutes Haar an einem. „Du bist so fett! Schau dir mal deinen Bauch an!“, stichelt er. Warum sind wir uns selbst also oft „ziemlich beste Feinde“? 

Der meiste Ärger entsteht dadurch, dass wir den eigenen Idealen nicht gerecht werden. Ständig kommt es zu einem inneren Datenabgleich zwischen Ist und Soll:

Bin ich gut genug? Dünn genug? Selbstsicher genug? Bin ich … genug?

Dieses Abgleichen zerfrisst unser Selbstwertgefühl, weil wir uns häufig an unerreichbaren Perfektionsvorstellungen messen, die uns in Werbung und Fernsehen entgegenkommen. Täglich werden wir mit dem Credo konfrontiert, dass wir besonders und herausragend sein müssen, um uns als wertvoll betrachten zu dürfen:

„Aufsteiger und Sieger bestimmen die Szene. Schwachpunkte dürfen nicht sein.“ 

Schwächen und Stärken - beides gehört zu uns

Die Gefahr, diese Glaubenssätze zu verinnerlichen, ist groß. Doch dabei übersehen wir: Grenzen und Schwächen sind – ebenso wie Stärken und Begabungen – keine ethischen Kategorien. Das heißt, es handelt sich bei ihnen nicht um Haltungen oder Verhaltensweisen, die sein sollen oder nicht sein sollen. Vielmehr sind sie Grundgegebenheiten unseres Daseins. Schwäche und Stärke, Lichtes und Dunkles prägen das Leben eines jeden Menschen – sogar das eigene. 

Mit sich selbst befreundet zu sein, bedeutet: Will ich Frieden schließen auch mit dem, was meinem Selbstbild widerspricht, mit der Angst und Bequemlichkeit, mit dem Unansehnlichen und Bedürftigen? 

Franziskus umarmt den Aussätzigen

Von Franz von Assisi wird eine vielsagende Geschichte überliefert: Franziskus schreibt in seinem Testament, seine Bekehrung habe begonnen, als er einen Aussätzigen geküsst habe. Zuvor hatte Franziskus den Kranken gemieden. Diese Szene lässt sich auch deuten als eine Flucht vor der eigenen Versehrtheit und Zerbrechlichkeit. Indem Franziskus den Aussätzigen umarmt, umarmt er auch sein eigenes Menschsein mit seinen Grenzen und mit seinen „Schatten“. In diesem Augenblick geht ihm die befreiende Kraft bedingungsloser Liebe auf.

Du bist genug

Das Wissen, dass das eigene Leben im Großen und Ganzen geborgen ist, stellt eine zentrale christliche Grunderfahrung dar. 

Das Vertrauen, sich nicht perfektionieren zu müssen, um ein wertvoller Mensch zu sein, ist unsagbar befreiend. 

Ein solcher Glaube erlöst einen von der quälenden Angst, nicht zu genügen. Jener Angst, die uns Menschen schnell in Selbstüberforderung hinein manövriert.

Die Kunst, sich selbst ein Freund zu sein

Sich mit sich selbst zu befreunden – ich glaube, dass diese Lebenskunst einen originellen Zugang zu gelebter christlicher Spiritualität eröffnet. Ganz im Sinn aller großen Traditionen, die betonen: „Wenn du näher zu dir selbst findest, erahnst du zugleich einen umfassenderen Grund, der dich und alles von innen her trägt.“

Und umgekehrt: Je mehr du in Berührung kommst mit dem göttlichen Du, umso mehr wird eine tiefere Verbundenheit mit dir und der Welt freigesetzt.

Das Gute an dieser Lebenskunst ist, dass wir für sie nur wenig brauchen. Eigentlich brauchen wir nur uns selbst. Der Ort und die Zeit sind für alle gleich: Der Ort ist der konkrete Alltag und die Zeit ist das Jetzt. Beginnen Sie einfach dort, wo Sie gerade sind.

Autorin: Melanie Wolfers

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