Das Kind in uns

Wer wir sind und wie wir handeln, hat viel mit unserer frühen Kindheit zu tun. Psychologen sagen: Das Kind, das wir waren, lebt weiter in uns. Entscheidend ist, Wege zur Versöhnung mit der eigenen Geschichte zu finden. Denn: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit – wenn wir lernen, uns selbst Heimat zu sein.

Mit den Erinnerungen ist das so eine Sache. Manchmal weiß man nicht mehr, was man vorgestern zu Mittag gegessen hat. Der Geschmack der Kindheit jedoch – die Pfannkuchen der Oma vielleicht oder der Sonntagsbraten – hat sich ganz fest eingeprägt. Das ist so, weil sich die Erfahrungen der ersten Lebensjahre tief in unser Gedächtnis einspuren. Einige Menschen sagen von sich, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben. Andere denken mit Bauchschmerzen an die frühen Jahre zurück. 

Geprägt fürs Leben haben sie uns so oder so. Manchmal positiv – und manchmal so, dass es länger dauert, bis man zu einem ausgeglichenen Alltag finden kann. Weil die Erlebnisse der Kindheit hart waren, ungerecht vielleicht, möglicherweise grausam. 

Die Summe unserer frühen Erfahrungen ist es, die uns zu dem macht, was wir heute sind: Können wir Problemen gelassen begegnen? Oder flippen wir leicht aus, weil wir uns ungerecht behandelt fühlen?

Die Bedeutung des Urvertrauens

Das Stichwort an dieser Stelle lautet: Urvertrauen. Durch unser Fühlen in den ersten beiden Lebensjahren lernen wir, ob wir grundsätzlich willkommen sind oder nicht. Alle Eltern tragen hier eine sehr große Verantwortung. Denn die Entstehung von Urvertrauen ist eine existentielle Erfahrung. Sie bereitet uns auf das Leben vor. Können wir anderen Menschen vertrauen? Oder fühlen wir uns immer irgendwie auf einer tieferen Ebene verunsichert, sogar wenn wir Erfolge feiern und Anerkennung bekommen? Bin ich okay so, wie ich bin? Oder bin ich es nicht?

Die Diplom-Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl aus Trier hat sich eingehend mit diesen frühen Erfahrungen beschäftigt. Sie sagt:

 „Wenn wir von diesen Kindheitsprägungen sprechen, die, neben unseren Erbanlagen, sehr stark unser Wesen und unser Selbstwertgefühl bestimmen, dann sprechen wir von einem Persönlichkeitsanteil, der in der Psychologie als inneres Kind bezeichnet wird.“ 

Das innere Kind ist demnach die Summe unserer kindlichen Erfahrungen, guter wie schlechter, die wir durch die Eltern und andere Bezugspersonen wie Oma, Onkel oder Lehrerin erfahren haben. 

Schatten- und Sonnenkind

Das innere Kind besteht aus einem dunklen Anteil, dem verletzten Schattenkind. Und aus einem fröhlichen inneren Kind, dem Sonnenkind. Und jeder trägt ein Schatten- und ein Sonnenkind in sich, egal wie traumatisch die ersten Jahre gewesen sein mögen. Bei dem einen ist das Schattenkind größer. Beim anderen das Sonnenkind. Auch Menschen, deren Kindheit vorwiegend glücklich war und die viel Urvertrauen entwickelten, sind nicht komplett sorgenfrei. Stefanie Stahl weiß: 

„Es gibt keine perfekten Eltern und keine perfekten Kindheiten. Auch liebevolle Eltern machen nicht immer alles richtig.“ 

Am Ende des Tages sind wir eben alle nur Menschen, die auch Fehler machen. 

Die eigene Geschichte betrachten 

Ein achtsames Sich-Nähern ist nötig, um an den Kern des eigenen inneren Kindes zu gelangen. Wer sich traut, die eigene Geschichte aus der sicheren Warte des Erwachsenen anzusehen, dem öffnet sich ein innerer Raum, in dem klar werden kann, warum wir sind wie wir sind. Und warum wir auf die immer gleiche Art reagieren, wenn wir auf ein Problem stoßen oder in Stress geraten. 

Mutter und Vater haben uns am meisten zu der Person gemacht, die wir sind – durch ihre Zuneigung, Fürsorge, Liebe. Oder eben auch durch hektisches Verhalten, durch gedanken- oder lieblose Behandlung. Die gute Nachricht, die Stefanie Stahl im Gepäck hat:

„Wir können von unserer Warte des Erwachsenen aus das fröhliche innere Sonnenkind stärken. Und das traurige, verletzte Schattenkind in den Arm nehmen und trösten.“ 

Stefanie Stahl sagt auch: „Der einzige Mensch, auf den wir Einfluss nehmen können, sind wir selbst.“ Das ist eine erleichternde Nachricht. Denn: Wir haben es selbst in der Hand, uns aufzubauen. Uns zu sagen: Du kannst nichts dafür, wie es damals gelaufen ist. Mama und Papa waren überfordert. Konnten nicht mit ihrer eigenen Wut umgehen – und trugen vielleicht auch selbst ungetröstete Schattenkinder in sich.

Ich bin gut, so wie ich bin

Dann kann sich die heilsame Botschaft im Selbst ausbreiten: Ich bin gut so, wie ich bin. Ich bin völlig okay mit meinen Wünschen und Bedürfnissen. Ich darf so sein! Vielleicht fließen auch Tränen bei dieser Erkenntnis. Der Spruch „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ stellt sich auf diese Weise als durch und durch wahr heraus: Wenn wir lernen, uns selbst zu umarmen, können wir ein Stück runder und gesünder werden. 

Wer keine innere Heimat hat, wird sie auch im Außen nicht finden.

„Das Kind in Dir muss Heimat finden“, so heißt der Bestseller von Stefanie Stahl. „Wer keine innere Heimat hat, wird sie auch im Außen nicht finden“, erklärt sie. Man wird die Heimat nicht beim Partner finden, nicht in der Karriere oder gar beim „Shoppen“. Wir können uns aber selbst eine Heimat geben, uns selbst Heimat sein. Unser Leben darf dann in größerer Fülle auf eine Ebene gehoben werden, die mehr Verständnis für die Zusammenhänge unserer Existenz bereithält.

Versöhnung mit sich selbst

Ein tiefer innerer Frieden kann sich ausbreiten, wenn wir Versöhnung schließen mit dem, was war. Ein getröstetes Schattenkind und ein fröhliches Sonnenkind weisen dem Erwachsenen den Weg zu einem erfüllten Dasein, in dem wir sein dürfen, wie wir sind. Mit all unseren Schwächen und Fehlern. Oder wie Stefanie Stahl meint: 

„Es ist nicht wichtig, ob du schön, perfekt und mächtig bist. Wichtig ist, dass du zu dir selbst findest.“

Autorin: Bettina Kaever

 

Weitere Berichte

14.04.2026
Pilgerporträts

„Losfahren und erwartet werden“

Eine schwere Diagnose wird zum Wendepunkt: Helmut Schuller verändert sein Leben radikal. Mit Ernährung, Bewegung und Glaube findet er neue Kraft – und pilgert schließlich 3.000 Kilometer bis ans Ende…
14.04.2026
Pilgerporträts

„Hilft gegen Fernweh nur Heimweh?“

Mit 25 alles hinter sich lassen: Eine Reise ins Unbekannte wird zur tiefen Begegnung mit sich selbst. Auf dem Jakobsweg wächst Vertrauen, Mut und die Erkenntnis, dass Heimat manchmal in uns selbst…
14.04.2026
Pilgerporträts
14.04.2026
Pilgerporträts

„Ich bin einfach losgelaufen“

Seit über 30 Jahren unterwegs: Barbara Hascher lebt das Pilgern mit beeindruckender Konsequenz. Ob Jakobsweg, Olavsweg oder Japan – ihre Wege zeigen, dass Aufbruch und Neugier kein Alter kennen.
14.04.2026
Pilgerporträts

„Einfach losgeh‘n auf der Via Baltica“

Vom Fernsehen auf den Jakobsweg: Heike Götz entdeckt das Pilgern als neue Perspektive auf ihre Heimat. Zwischen Via Baltica und Camino wird der Weg zur Reise nach innen – und zum Blick auf das, was…
14.04.2026
Pilgerporträts
10.04.2026
Anselm Grün

Anselm Grün: Wofür wir dankbar sein dürfen

Dankbarkeit gehört zu den stärksten Kräften unseres Lebens. Sie öffnet unseren Blick für das Wesentliche, schenkt innere Ruhe und lässt uns erkennen, wie wertvoll jeder Tag ist. Dankbar sein, heißt…
10.04.2026
Klosterwissen Garten

Rosen von Ittingen

Wenn der Frühling ins Thurtal zieht, beginnt in der Kartause Ittingen die Rosenzeit. Rund 1000 historische Rosenstöcke werden hier von der Rosengesellschaft Winterthur gepflegt und geschnitten.…