In jedem Menschen Gott begegnen
Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Lukas 10,30
Als fromme jüdische Schriftgelehrte Jesus die alles entscheidende Frage stellen, wie man denn wohl in den Himmel kommen könne, da ist seine Antwort eine einzige Provokation: Er sagt nicht, dass man fromm sein muss, noch nicht einmal rechtgläubig, schlimmer noch: Jesus erzählt ihnen die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Sie ist mein Lieblingstext im Neuen Testament, gehört zweifellos zum Fundament der europäischen Kultur und ist gerade für uns Deutsche unglaublich aktuell.
Der Samariter kümmert sich um den Verletzten
Auf der Straße von Jerusalem nach Jericho liegt ein verletzter Mann, von Wegelagerern ausgeraubt, im Staub. Ein frommer Priester kommt des Wegs und – geht vorbei. Ein geschäftiger Tempeldiener bemerkt den Verwundeten und – lässt ihn liegen. Und dann nähert sich ein Samariter. Die Samariter galten den Juden als Atheisten. Sie kamen aus einem Landstrich, wo die Leute den Tempel nicht besuchten. Doch dieser Mann hält an, ihn ergreift menschliches Mitleid, er verbindet dem Verletzten die Wunden, bringt ihn ins nächste Gasthaus und lässt dem Wirt für den ihm ganz unbekannten Mitmenschen noch Geld für die Pflege da.
Es sind solche Geschichten, die Jesus ans Kreuz gebracht haben.
Denn er sagt klar: Dieser Samariter, der nicht einmal die Bibel kennt, aber uneigennützig handelt, kommt in den Himmel – obwohl gar nicht sicher ist, ob er überhaupt an den Himmel glaubt.
Berührende Menschlichkeit
Diese Geschichte muss uns Christen gerade heute zu denken geben. Denn auch in Deutschlands Osten zum Beispiel besuchen die wenigsten Leute die Kirchen, kennen die meisten die Bibel nicht und glauben nicht an den Himmel. Doch gerade dort habe ich bei vielen Atheisten oft eine berührende Mitmenschlichkeit erlebt und übrigens auch echte interessierte Fragen nach der Existenz Gottes.
Ich schäme mich dann manchmal ein wenig, diese Fragen zu beantworten, weil der Eindruck entstehen könnte, ich bildete mir ein, als Christ ein besserer Mensch zu sein. Dabei unterlaufen mir selbst ja immer wieder skandalöse Situationen wie dem Priester und dem Tempeldiener auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho.
Soll man daher nicht am besten auf Mission ganz verzichten? Soll man nicht die liebenswürdigen östlichen Samariter Samariter sein lassen?
Es gibt manche müde gewordene Christen, die diese Auffassung vertreten. Ich finde diese Meinung allerdings im Grunde arrogant.
Freude und Sinn im Glauben
Denn wenn ich persönlich erlebe, dass der christliche Glaube eine Freude gibt, die mein Leben über alle düsteren Phasen hinweg trägt, wenn ich aus der Überzeugung heraus leben kann, dass Mitmenschlichkeit nicht bloß aus hormonell gesteuerten und evolutionär nützlichen Hirnreflexen in einem sinnlosen und gleichgültigen Weltall besteht, sondern wenn ich Mitmenschlichkeit und Liebe als unmittelbar sinnvoll erleben kann in einer sinnvollen Schöpfung, die in den Händen eines liebenden Gottes ruht, dann schenkt mir das ein Glück, das ich doch anderen Menschen weitergeben muss – sonst wäre ich herzlos.
In jedem Menschen begegnen wir Gott
Mission hat also nichts damit zu tun, die Zahl der Vereinsmitglieder mit geschickter Mitgliederwerbung hochzutreiben. Mission resultiert aus dem Respekt eines Christen seinen Mitmenschen gegenüber.
Das Christentum glaubt daran, dass Gott Mensch geworden ist: in Jesus von Nazareth. Und der hat gesagt, dass man in jedem Menschen Gott begegnen kann – gerade in den Menschen am Rande der Gesellschaft, wie Papst Franziskus immer wieder betont, oder in dem verletzten Menschen am Wegesrand wie in der Geschichte vom barmherzigen Samariter.
Vertrauen ist mehr als Wissen
Für den humanistischen Atheisten mag das nicht weit von seiner eigenen Überzeugung entfernt sein. Doch ist die Zusage Gottes, dass er selbst alle Menschen zum Glück führen will, etwas anderes als in einer sinnlosen Welt unbeirrt Sinnvolles zu tun.
Auf diese Zusage Gottes vertrauen zu können, heißt glauben. Das ist viel mehr als bloß Wissen.
Wenn Ihre Frau Ihnen sagt, Sie könnten ihr vertrauen, und Sie antworten, Sie würden aber gerne genau wissen, ob das Vertrauen gerechtfertigt sei, dann werden Sie nichts zu wissen bekommen und das Vertrauen und die Liebe zerstören. Denn Sie haben nicht gemerkt, dass Vertrauen viel mehr ist als Wissen. Es ist eine Gewissheit, die wie die Glaubensgewissheit ein Leben trägt. Und so sind Gottesbeweise wie Liebesbeweise: Sie sind nicht zwingend, aber es sind die wichtigsten Beweise unseres Lebens.
Kostbare christliche Substanz
Gregor Gysi hat in der evangelischen Akademie in Tutzing gesagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, denn der könne die Solidarität abhandenkommen. Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Tatsächlich hat das Christentum das Mitleid erfunden. Die Heiden hatten kein Mitleid: Wer sich um Behinderte und Schwache kümmerte, der musste den Zorn der Götter fürchten. Für Christen gilt nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters genau das Umgekehrte. Von dieser kostbaren christlichen Substanz zehrt unsere Gesellschaft noch heute, auch wenn sie ihre christlichen Wurzeln vergessen zu haben scheint.
Ich erlebe gerade in jüngster Zeit etwa in der Flüchtlingshilfe oft Menschen, die behaupten, Atheisten zu sein, aber die ganz unspektakulär und anrührend christliche Nächstenliebe vorleben.
Ich bin ganz sicher, dass der liebe Gott am Jüngsten Tag viele dieser Samariter in den Himmel aufnehmen wird. Das darf uns Christen aber nicht daran hindern, diesen Menschen das vielleicht Kostbarste zu geben, was wir haben, unser lebendiges Glaubensbekenntnis. Es wäre gut, wenn auf diese Weise nicht nur der kalte Kapitalismus des Westens nach Osten vordringen würde, sondern auch eine Ahnung von der wärmenden christlichen Seele Europas.
Autor: Manfred Lütz