Was am Ende zählt
Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag.
Matthäus 20,2
Wenn es nach uns geht, dann ist das nicht gerecht: Für einen ganzen Arbeitstag genauso viel Lohn zu bekommen, wie für eine einzige Arbeitsstunde. Da ist doch klar, dass die murren, die den ganzen Tag in der Hitze geschuftet haben. Und vermutlich waren jene, die in der letzten Stunde gekommen sind, ziemlich überrascht.
Wie es im Himmelreich ist
Jesus erzählt ein Gleichnis. Er beschreibt das Himmelreich. Er erklärt, wie es werden wird – das, was sich uns auf Anhieb nicht erschließt; uns nicht und den Menschen damals auch nicht; weshalb ihn die Pharisäer auch von Anfang an nicht mögen: Die Pharisäer nicht, die Rigoristen nicht und auch all jene nicht, die ängstlich um ihr Maß und ihre Ordnung besorgt sind.
Jesus erzählt das Gleichnis auf dem Weg nach Jerusalem. Er weiß – und seine Jünger ahnen es –, dass er in dieser Stadt als ein Ruhestörer gilt und aus dem Weg geräumt werden soll. Auf dem Weg dorthin spricht er über die Quintessenz seiner Botschaft. Seine Logik ist anspruchsvoll. Mit unserer Logik passt das nicht zusammen, was Jesus seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem erzählt.
Unsere Logik besagt: Wer viel arbeitet, muss auch mehr bekommen als der, der wenig arbeitet.
Das finden wir gerecht. Jedem nach seiner Leistung. Deshalb schließen wir Arbeitsverträge, in denen wir den Lohn und die zu leistende Arbeitszeit festhalten.
Die Hoffnung: Heute könnte es klappen
Der zweite Blick auf den Verlauf der Geschichte sieht schon differenzierter aus: Am frühen Morgen sucht der Weinbergbesitzer Arbeiter aus, die in seinem Weinberg arbeiten sollen. Er vereinbart mit ihnen einen Denar Lohn für den Tag. So ist das vermutlich üblich gewesen. Aber auf dem Markt stehen noch viele, die gerne arbeiten würden und nicht zum Zuge kommen. Sie hatten auch die Hoffnung, heute könne es klappen, und gehen dann doch leer aus.
Die Menschen brauchen dringend Arbeit
Jeweils um die dritte, die sechste und die neunte Stunde sieht der Weinbergbesitzer, dass da immer noch welche auf dem Markt stehen und auf Arbeit hoffen. Wer so lange ausharrt, der braucht sie wirklich dringend. Und er gibt sie ihnen. Sie haben schon befürchtet, ohne Lohn nach Hause zu kommen. Er gibt ihnen Arbeit, wenn auch später als denen am frühen Morgen.
Sie bekommen von ihm, was sie brauchen, nicht, was ihnen nach menschlichem Ermessen zusteht.
Warum soll jemand Arbeiter einstellen, wenn er sie nicht unbedingt braucht? Der Hinweis, sie bräuchten Geld, passt nicht in die Ordnung vernünftigen Wirtschaftens in einem Unternehmen. Das verteuert die Lohnkosten, die in jedem Betrieb, auch im Weinberg, am Ende das Produkt, den Wein, verteuern und im Wettbewerb unattraktiv machen.
Wir bekommen, was wir brauchen
Die Ordnung, von der Jesus spricht, ist eine andere: Da bekommen wir nicht, was wir verdient haben; wir bekommen, was wir brauchen. Der Besitzer des Weinberges hat dafür Gespür, fühlt sich dafür verantwortlich. Er rechnet nicht nach menschlichem Maß und unternehmerischer Vernunft; er zeigt Achtsamkeit für das, was Not tut. Er mutet denen, die den ganzen Tag gearbeitet haben, etwas zu.
Er ist ihnen gegenüber zugleich verlässlich. Er sagt nicht, weil im Laufe des Tages noch so viele Arbeiter hinzugekommen sind, muss ich auch den vereinbarten Lohn kürzen, um alle bezahlen zu können. Er hat mit ihnen einen Denar vereinbart und den bekommen sie auch. Aber die anderen mit den wenigen Arbeitsstunden bekommen ihn auch. Und er fügt hinzu:
„Die Ersten werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.“
Das ist so ein Satz aus dem Neuen Testament, der in unsere langläufige Sprache Eingang gefunden hat. Er gefällt uns eigentlich. Wir verwenden ihn, meist augenzwinkernd, wenn jemand glaubt, zu den Ersten aufgrund seiner Leistungen oder seiner Bedeutung zu gehören.
Er meint aber auch: Achtet auf mehr als auf eure Ordnung; glaubt nicht nur an eure Leistung und an das, was ihr meint, das euch zusteht.
Warum soll jemand Arbeiter einstellen, wenn er sie nicht unbedingt braucht? Der Hinweis, sie bräuchten Geld, passt nicht in die Ordnung vernünftigen Wirtschaftens in einem Unternehmen. Das verteuert die Lohnkosten, die in jedem Betrieb, auch im Weinberg, am Ende das Produkt, den Wein, verteuern und im Wettbewerb unattraktiv machen.
Es gibt auch eine andere Ordnung
Unsere Ordnungen und unser Verständnis von Lohn und Leistung sind vorläufige Ordnungen. Sie machen unsere menschlichen Verhältnisse übersichtlich; aber sie sind nicht alles. Es gibt die andere Ordnung, von der Jesus spricht. Sie schließt auch jene ein, die am Morgen keine Arbeit finden. Wenn wir das übertragen, dann stoßen wir auf jene, die in unseren Ordnungen ausgeschlossen sind. Mit gefällt dieses Gleichnis deshalb besonders gut, weil es uns Achtsamkeit für jene lehrt, die in unseren Ordnungen kaum eine Perspektive haben. Es erinnert uns daran, dass unser Leben nicht nur aus dem besteht, was wir uns verdienen können.
Wir müssen jetzt nicht gleich unsere Arbeitsverträge abschaffen. Wir werden unsere vorläufigen Ordnungen auch nicht rasch für ungültig erklären. Uns werden in diesem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg jene ans Herz gelegt, die – in den Worten von Papst Franziskus – an der Peripherie leben. Für sie sorgt keine Solidargemeinschaft.
Der Papst weist bei vielen Gelegenheiten darauf hin, dass wir am Ende unseres Lebens danach gefragt werden, was wir für jene getan haben, die in Not sind. In ihnen begegnen wir Jesus selbst.
So öffnet uns dieses Gleichnis auch den Blick für das, was am Ende zählt. Wir sollen Raum schaffen für die zentralen Fragen unseres Lebens, für Achtsamkeit und Kreativität im Umgang mit unseren Ordnungen, um sie zu öffnen für die, die ausgeschlossen sind. Das ist anspruchsvoll.
Dann fragen wir nicht mehr andauernd, wer was verdient hat. Wir fragen dann häufiger danach, was jene brauchen, die in unseren Ordnungen bislang nicht vorkommen.
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg eignet sich nicht für Tarifverhandlungen. Es ist für mich ein inspirierender Impuls, jene Lebensperspektiven in den Blick zu nehmen, die zu neuer Lebensqualität und zu einem anderen Verständnis von Gerechtigkeit führen.
Autorin: Annette Schavan