Anselm Grün: Ein neuer Anfang
Zu Beginn des Jahres machen wir uns gute Vorsätze. Doch der Volksmund sagt, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Sollen wir deshalb alle Vorsätze lassen? Nein, wir sollen nur realistisch mit unseren Vorsätzen umgehen. Wir sollten uns ein paar Dinge vornehmen, die uns im neuen Jahr wichtig sind.
Für mich ist es wichtig, das, was ich im neuen Jahr üben möchte, an ein Ritual zu binden.
Wenn ich mir zum Beispiel vornehme, achtsamer in Gesprächen zu sein und nicht über andere zu reden, dann verbinde ich diesen Vorsatz mit dem Morgenritual. Ich erhebe am Morgen meine Hände zum Segen und stelle mir vor, dass der Segen zu den Menschen strömt, mit denen ich heute sprechen werde. Dann werde ich zumindest in der ersten Stunde des Tages mit den Menschen achtsamer sprechen. Und vielleicht kann sich diese Achtsamkeit dann auch auf die zweite oder dritte Stunde und noch weiter ausdehnen.
Wir können formen und gestalten
Mit dem neuen Jahr verbinden wir immer die Hoffnung auf einen neuen Anfang. Im Deutschen kennen wir zwei Worte für den neuen Anfang: anfangen und beginnen. Jedes Wort antwortet auf eine eigene Erfahrungswelt. „Anfangen“ kommt von „anfassen, anpacken, in die Hand nehmen“. Wenn wir anfangen, dann bedeutet das, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen und es formen. Wir hören auf zu jammern, dass wir nichts machen können, weil wir durch unsere Erziehung schon festgelegt sind. Wir haben es in der Hand, was wir aus unserem Leben machen. Wir können das, was wir mitbekommen haben, mit unserer Hand formen und gestalten.
Mach jeden Tag nur ein kleines Stück deines Ackers urbar. Dann bringt das neue Jahr gute Frucht.
Das Wort „beginnen“ bedeutet ursprünglich „urbar machen“. Der Erfahrungshintergrund ist ein Acker voller Disteln und Dornen.
Von einer alten Mönchsgeschichte
Da jammert ein junger Mönch einem Altvater vor, dass er auf dem dornigen Weg der Askese nicht weiterkomme. Die alten Fehler tauchen immer wieder auf. Da erzählt ihm der Altvater eine Geschichte: Ein Vater schickt seinen Sohn zum Acker, dass er ihn urbar mache. Aber der Acker ist so groß und so voller Unkraut, dass der junge Mann hingeht und sich hinlegt und schläft. Denn er traut es sich nicht zu, den Acker von den Disteln zu befreien.
Als der Vater nach ein paar Tagen nachsieht und erkennt, dass noch nichts geschehen ist, gibt er den Rat: „Bearbeite jeden Tag nur so viel vom Acker, wie dein Körper bedecken kann.“ Der Sohn befolgt den Ratschlag. Und nach kurzer Zeit ist der Acker urbar gemacht.
Beginnen bedeutet mutig sein
Beginnen ist oft mit Angst verbunden. Wir haben den Eindruck, dass wir es nicht schaffen. Also verschieben wir den Beginn. Doch je mehr wir den Beginn hinausschieben, desto schwerer fällt es uns, anzufangen. So wünsche ich Ihnen, dass Sie zu Beginn des Jahres den Mut finden, jeden Tag nur ein kleines Stück Ihres Ackers aufzugraben und urbar zu machen. Dann wird das neue Jahr ganz gewiss eine gute Frucht bringen für Sie selbst und für die Menschen, mit denen Sie leben.