Von der Sehnsucht nach Gott
Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.
Psalm 63,2
Ob die Berufswahl wirklich mit dem zu tun hat, was einen persönlich umtreibt? Warum wird jemand Ärztin, Krankenpfleger, Kindergärtner? Warum Polizist oder Soldat? Mich hat es in die Wissenschaft von Gott verschlagen, also in die Theologie. Weil Gott mich umtreibt?
Ich habe als Kind eine sehr traditionelle katholische Frömmigkeit gelernt. Das Ministrieren hat mich liturgisch fit gemacht. Bei den Benediktinern habe ich als Chorknabe singen, bei den Jesuiten in der Marianischen Kongregation und später beim Studium in Innsbruck denken gelernt.
Ich hatte die besten Theologen der damaligen Zeit rund um das Zweite Vatikanische Konzil als Lehrer, allen voran Karl Rahner.
Das göttliche Geheimnis
Es war zunächst eine exzellente „sitzende Theologie“. Aber schon damals lehrte uns Rahner, dass es neben der sitzenden immer auch eine „kniende Theologie“ braucht. Es gehe nicht nur darum, den Glauben zu verstehen, sondern einzutauchen in das göttliche Geheimnis, das wir letztlich nie begreifen, wohl aber „bewohnen“ können.
Sein Satz „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, also einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein“ hat sich bei mir festgesetzt
Mystiker, das ist „ein Mensch, der im Ge-HEIM-nis da-HEIM ist“. Oder wie Richard Rohr, der franziskanische Mystiker aus New Mexiko, es einmal umrissen hat:
„It is not necessary to be perfect, but to be connected.“
Nicht moralische Perfektion, sondern existentielle Verbundenheit zählt. Daher sagen wir ja auch „Religion“ und können dieses Wort von religare herleiten, was so viel wie zurückbinden heißt.
Suchen und Finden
Dieses Verbundensein aber, so meine immer längere Lebenserfahrung, ist kein Dauerzustand, sondern ein ständiges Ein- und Auftauchen in Gott. Es ist kein Besitz, sondern ein Suchen und Finden. Das ist wohl der Grund, warum der Psalm der Gottessehnsucht zu meinem persönlichen Lieblingstext werden konnte – aber nicht nur zu meinem, denn dieser Psalm ist im Stundengebet der katholischen Weltkirche der erste Psalm in den Laudes der ersten Woche, also gleichsam die Überschrift über alles Beten der Welt:
„Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“
Nicht moralische Perfektion, sondern existentielle Verbundenheit zählt. So nennen wir es „Religion“ und leiten das Wort von religare ab, was so viel wie „zurückbinden“ bedeutet. Dieses Verbundensein ist, so meine Lebenserfahrung, kein Dauerzustand, sondern ein ständiges Ein- und Auftauchen in Gott. Es ist kein Besitz, sondern ein Suchen und Finden.
Die Suche nach Gott
Wie aber gestaltet sich in meinem Leben diese Gottsuche? Ich habe dazu viel bei spirituellen Meistern gelernt, die nicht immer im Raum der Kirche wirkten. Es gelte, eine „spirituelle Reise“ anzutreten. Dieser Weg einer spirituellen Reise kann nach innen führen. Die „Reise nach innen“ sei eine der wesentlichen Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität, so die Kulturanthropologin und ZDF-Redakteurin Ariane Martin („Sehnsucht ist der Anfang von allem“, Shaker-Media).
Reise nach innen
Sie trifft sich in diesem Punkt mit der Mystikerin Teresa von Ávila und ihrem großen Werk von der Seele als „innerer Burg“ mit vielen Wohnungen, die es in jedem Menschen gebe. Im Innersten dieser Seelenburg wohne aber Gott. Er ist das Ziel der Reise nach innen. Manche unternehmen diese Reise nicht allein, sondern in einer spirituellen Gemeinschaft – für Ariane Martin eine zweite wichtige Dimension zeitgenössischer Spiritualität.
Mir hat auf dieser Reise nach innen geholfen, dass ich meditieren lernte.
Ich habe mir in meiner Wohnung eine eigene Meditationsecke eingerichtet. Aber auch von Gottesdiensten erwarte ich mir dieses Eintauchen in das göttliche Geheimnis.
Oft wird in Gottesdiensten zu viel geredet und erklärt.
Ich fühle mich dann wie in einer Bildungsveranstaltung, statt dass sich ein gottvoller und erlebnisstarker Raum auftut, in dem Gott gleichsam „vorkommen“ und ich in ihn „eintauchen“ kann. Sich Gott einverleiben, Leib-Christi-Werden möge stattfinden, so meine Sehnsucht.
Nicht nur Wellnessspiritualität
Die zeitgenössischen spirituellen Pilger begeben sich, so Ariane Martin in ihrer Studie, nicht nur auf eine „Reise nach innen“, sondern auch auf eine „Reise in die Welt“. Sie suchen nicht, frustriert von der unstimmigen modernen Lebensweise, „das Weite“, sondern „die Weite“. Sie praktizieren nicht nur eine Wellnessspiritualität.
Die Sehnsucht, die „einatmend“ nach innen zieht, treibt im „Ausatmen“ zu den Menschen. Die Augen öffnen sich, und zwar für die Menschen am Rand, die Armgemachten, die Menschen, mit denen wir durchs Leben gehen, in unseren Familien, im Beruf, in der Gesellschaft, in der zusammenwachsenden Welt.
Wir lernen auch einen achtsamen Umgang mit der Mitwelt, dem einen Haus, in dem wir alle leben.
Das ist auch jesuanisch: Wenn der Evangelist Matthäus (8,1-4) erzählt, dass Jesus nächtens auf den Berg geht, um in die geheimnisvolle Gemeinschaft mit seinem Vatergott einzutauchen, dann geht er am Morgen vom Berg in die Niederungen des alltäglichen Lebens herab und taucht bei den Aussätzigen, Kranken, den Armen, den von „Sünde“ verwundeten Menschen auf. Er kannte sichtlich beides: das Eintauchen in Gott und das Auftauchen bei den Armen. Gottesverbundenheit wird zum Engagement für die am Rand des Lebens.
Schutzsuchenden auch spirituell den Rücken stärken
Mir ist deshalb in den letzten Jahren, als viele schutzsuchende Menschen ins Land kamen, der Einsatz für sie wichtig geworden. Ich habe Begegnungen mit unbegleiteten Kindern und Jugendlichen geschenkt bekommen. Sodann habe ich es mir im Rahmen meiner wissenschaftlichen Kompetenz zum Ziel gesetzt, jenen, die sich einsetzen, fachkundig und spirituell den Rücken zu stärken („Entängstigt euch!“, Schwabenverlag).
Mir leuchtet ein, wenn uns Papst Franziskus daran erinnert, dass in jedem Schutzsuchenden uns Christus, der Auferstandene, begegnet. Und ich bin getröstet, dass dieser Einsatz nicht nur den Schutzsuchenden guttut, sondern mir eine heilsmächtige Begegnung mit Gott schenkt.
Das „Gott, du mein Gott, dich suche ich“ erlebe ich also nicht nur als fromm, sondern zugleich auch als sehr politisch.
Und je mehr ich in Gott eintauche, desto kraftvoller fühle ich mich beim oft nicht leichten Auftauchen bei den Menschen, die jetzt Hilfe brauchen. Dann spüre auch ich, wie eine Frau es einmal formulierte, „göttlichen Rückenwind.
Autor: Paul Zulehner