Mit dem Rad von Kirche zu Kirche

Ob zur Erfrischung, zur Einkehr oder einfach zum Verschnaufen: Über 800 Radwegekirchen in Deutschland und der Schweiz laden Radfahrer herzlich ein. Geöffnete Türen, schattige Bänke, frisches Wasser und stille Räume – kleine Zeichen gelebter Gastfreundschaft am Wegesrand. Auch der „Kleine Dom im Taubertal“ in Niklashausen zeigt, wie Kirche heute neue Begegnungsräume schaffen kann.

Es ist ein sonniger Frühsommertag. Eine Gruppe Fahrradfahrer ist vor der Kirche angekommen. Sie schließen ihre Räder ab, ziehen die Helme vom Kopf und gehen auf direktem Weg zum Eingang. Erwartungsvoll öffnen sie die Tür, setzen sich in die letzten Kirchenbänke und genießen die Kühle des Raumes.

Radfahren ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung am Wochenende und in den Ferien: frische Luft und Natur genießen, dabei Land und Leute kennenlernen. Über ganz Deutschland und die Schweiz spannt sich ein gut ausgebautes Radwegenetz. Und so manchem Radler ist vielleicht schon einmal ein grünes Schild aufgefallen, mit einer weißen Kirche und einem schwarzem Radfahrer im Vordergrund (in der Schweiz ist es ein Radfahrer auf rotem Untergrund). Diese Zeichen weisen auf Radwegekirchen hin – und davon gibt es mittlerweile mehr als 800 in Deutschland und der Schweiz. 

Die Gotteshäuser mit der besonderen Kennzeichnung laden explizit Radler ein, an ihnen Halt zu machen und eine Pause einzulegen.

 „Gelebte Gastfreundschaft am Wegesrand“ ist das Stichwort

Das zeigt sich durch Kleinigkeiten wie einen Platz zum Rasten vor der Kirche, einen Fahrradständer, eine Luftpumpe, Flickzeug, Toiletten oder einen Hinweis auf die nächste Fahrradwerkstatt. 

Neben diesen praktischen Aspekten kann eine Kirche ein schöner Ort sein, um Pause zu machen: nach mehreren Kilometern auf dem Fahrrad endlich die Beine ausstrecken, etwas trinken, Stille erfahren, die Kühle des Raumes, den Gedanken nachhängen und den Kopf frei bekommen …

Einfach die Stille genießen

Jede Kirche hat dabei ihre eigene Atmosphäre, und viele Gebäude atmen jahrhundertealte Geschichte. Oft sind Menschen im Urlaub oder auf einem Ausflug besonders offen, um neue Räume und Erfahrungen auf sich wirken zu lassen. An diese Situation möchten die Radwegekirchen anknüpfen. Sie laden dazu ein, den Moment zu genießen, und schaffen Berührungspunkte. Ohne Forderung, ohne Gegenleistung.

Was Radfahrende brauchen

Auch in Niklashausen, rund zehn Kilometer vom fränkischen Tauberbischofsheim entfernt, steht am Rande des Dorfes eine Radwegekirche. Seit 2013 trägt das wunderschöne spätgotische Gotteshaus diesen Titel. Welche Bedingungen mussten dafür erfüllt werden?

„Voraussetzung ist, dass die Kirche verlässliche Öffnungszeiten hat und in der Nähe eines Radweges liegt“, erklärt Pfarrerin Heike Kuhn, Landeskirchliche Beauftragte für Radwegekirchen in Baden-Württemberg.

Alles weitere liegt in den Händen der ehrenamtlichen Helfer. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Die ganze Gemeinde hilft mit

Mit dem „Kleinen Dom im Taubertal“ haben die rund 450 Bewohner von Niklashausen eine „Vorzeige-Radwegekirche geschaffen“, findet Heike Kuhn. Viele Nachbarn leisten ihren Beitrag zum Gelingen des Projekts: Irmgard Betzel schließt jeden Morgen um zehn Uhr die Kirche auf und um 18 Uhr wieder zu; Gerda Künzig sorgt dafür, dass immer ein Kasten frisches Wasser und Gläser für die Radfahrer zur Verfügung stehen; Marlise Düx führt durch die Kirche und das Heimatmuseum. 

Vor der Kirche wurde ein Rastplatz mit zwei Bänken und Tisch sowie ein Fahrradständer aufgestellt. In der Kirche finden sich eine Fahrradpumpe, Flickzeug und ein 
Gästebuch. 

Heike Kuhn ist begeistert, dass hier in Niklashausen – in der Kirche, in der sie vor vier Jahren ihren Einführungsgottesdienst als Radwegekirchenbeauftragte gefeiert hat – die Idee so unkompliziert umgesetzt und das Projekt mit viel Leben und Ideen gefüllt wird.

Impulse für neue Ideen

Die Pfarrerin gibt selbst immer wieder neue Impulse, wie man die Radfahrer als Gäste im Gotteshaus willkommen heißen kann: „Auf einer Reise in der Schweiz habe ich eine Kirche besucht. Dort erhielt ich am Eingang eine ‚Kirchenkarte‘ – eine Hilfe, um die Kirche zu erkunden. Wirklich toll!“

In vielen Kirchen gibt es mittlerweile auch sogenannte „Give-aways“: Kleinigkeiten, die man mit nach Hause nehmen kann, am besten selbstgemacht, mit einem Bezug zu der Kirche.

„Die Gemeinden lassen sich da schöne Sachen einfallen“, schwärmt Heike Kuhn,„zum Beispiel gibt es Postkarten mit dem Logo der Radwegekirche und als kleinen Energieschub noch ein Stück Traubenzucker dazu.“

Seit rund einem Jahr existiert im Main-Tauber-Kreis ein weiteres Angebot: An jeder Radwegekirche finden die Radfahrer ein Schild mit der Aufschrift „Worte, die gut tun“. Darunter befindet sich ein QR-Code. Wird dieser gescannt, können sich die Radfahrer kurze, geistliche Impulse anhören, eingesprochen von Heike Kuhn.

„Vielleicht schaffen wir es mit diesem Angebot, auch das Interesse der jungen Menschen zu wecken“, hofft sie. „Alle sind eingeladen, auch diejenigen, die mit Kirche nichts mehr am Hut haben.“

Ein Raum für Gedanken

Die 53-Jährige denkt realistisch und orientiert sich an der gesellschaftlichen Realität. Kirchenaustritte gehören auch dazu. Daher stellt sich für sie die Frage, wie man das Interesse für Kirche, Glauben und Spiritualität wecken oder auch wiederentdecken kann.

„Es geht hier ein Stück weit um Kundenorientierung: Wir müssen die Interessen wahrnehmen. Was für Erwartungshaltungen haben die Menschen, was wünschen sie sich, und wie können wir darauf reagieren?”

Antworten liefern zum Beispiel die Gästebücher in den Kirchen: Auch in Niklashausen liegt vor dem Altarraum auf einem kleinen Holzpult ein Buch für Gedanken und Eindrücke. Beim Blättern fällt der Blick auf ein gezeichnetes Fahrrad. Ein Ehepaar bedankt sich für die ruhigen Momente in der Kirche und die Erfrischung, eine Frau hat besonders das Zur-Ruhe-Kommen nach einer langen Radtour genossen.

„Die Menschen nehmen das Angebot an, lassen sich auf den Kirchenraum ein. Und dann geschieht, was geschehen soll“, erklärt die Pfarrerin lachend.

Manchmal, wenn Heike Kuhn in ihrem Lieblingsbiergarten sitzt, der zufällig neben einer Radwegekirche liegt, packt sie die Neugier. Dann fragt sie die Radfahrer, ob sie in der Kirche waren und wie es ihnen gefallen hat – inkognito sozusagen. „Da bekomme ich ein ungezwungenes Feedback, das ist für mich ein persönlicher Gradmesser.“

Autorin: Steffi Piening

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