Der Sternenweg

Ein Stern, eine Muschel – und eine Entdeckung in der Heimat: Der Kulturreferent Peter Michael Lupp begibt sich auf Spurensuche entlang alter Pilgerpfade im Südwesten Deutschlands. Inspiriert vom Symbol des Sterns entstand das grenzüberschreitende Projekt „Sternenweg/Chemin des étoiles“. Es verknüpft spirituelle Orte, historische Wegezeichen und eine Vision: achtsames Gehen als kulturelle Brücke in einem offenen Europa.

Oft sind es die kleinen Entdeckungen, die dem Unterwegssein einen besonderen Zauber verleihen. So waren es ein mittelalterliches Sternenmotiv im Museum des ehemaligen Benediktinerklosters Hornbach und eine Jakobsmuschel am Revers des Heiligen Jakobus in der Altheimer Kirche, die den Kulturreferenten Peter Michael Lupp aus Saarbrücken dazu inspirierten, dem Mythos der Pilgerschaft in seiner eigenen Heimat nachzuspüren.

Ein Sternenfeld gab einst den entscheidenden Hinweis. 

Er forschte der Bedeutung des Sternenmotivs nach und entdeckte, dass Sterne neben den Jakobsmuscheln zentrale Symbole des Jakobskultes sind. So kommt es, dass der Begriff „Sternenweg“ nicht nur hierzulande, sondern auch im französischen und spanischen Sprachraum als Synonym für die Wege der Jakobspilger gebraucht wird.

Die Grabstätte des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela galt bereits im Mittelalter als eines der wichtigsten Wallfahrtsziele. Ein ganzes Streckennetz quer durch Europa vereinigt sich dazu über vier Hauptstränge erst im spanischen Puente la Reina zu einem einzigen Weg. Ein besonders bezaubernder Teil dieses Wegegeflechts verläuft durch den Südwesten Deutschlands. 

Schon im Mittelalter bildete die Region Saarbrücken einen Knotenpunkt im Pilgernetz, weil sich hier mehrere bedeutsame Wegeachsen kreuzten. Zu dieser Zeit, als die Nächte noch dunkler waren, lieferten die Sterne den Pilgern göttliche Wegezeichen: 

Die feine Lichtspur der Milchstraße wies den Pilgern die Richtung zum Sehnsuchtsziel. Dort soll ein Sternenfeld einst den Hinweis zur Grablegung des heiligen Jakobus gegeben haben.

Wegezeichen als Erinnerung und Orientierung

Inspiriert von seinen Entdeckungen begann Peter Lupp, sich auf die Suche zu machen. Bei seinen Streifzügen durch die vertraute Landschaft entdeckte er das neu entfachbare Potenzial der versunkenen Pfade. Die Idee zum Sternenweg war geboren: Ein grenzüberschreitendes Modellprojekt zur behutsamen Inwertsetzung der Pilgerwege im Herzen Europas. 

Über die alten Bischofssitze stehen die heimischen Wegeachsen annähernd sternenförmig in einer symbolischen Verbindung zueinander. Sie verknüpfen die Kulturlandschaften Pfalz, Saarland, Lothringen und Elsass zu einem vernetzenden Gewebe der Begegnung. 

Millionen von Fußspuren spiegeln die freundschaftliche Begegnung und den Austausch der Kulturen wider.

Deshalb erklärte die UNESCO bereits 1993 diese europäische Kulturstraße zum geistigen Weltkulturerbe. Der Europarat empfahl, die Jakobswege zu erforschen und zu kennzeichnen. Vor diesem Hintergrund hat der Regionalverband Saarbrücken, für den Peter Lupp tätig ist, 2006 offiziell das europäische Modellprojekt „Sternenweg/Chemin des étoiles“ ins Leben gerufen. 

Kleine Wegezeichen mit großer Bedeutung

Im Zentrum der Idee stehen die Wegezeichen: kleine Gesten, mit denen die regionalen Wege der Pilger in den letzten Jahren behutsam und zugleich authentisch geschmückt wurden: Jakobsmuschelsteine, in Stein gehauene Sterne, Ornamente aus Feldsteinen. Diese Wegezeichen werden mit der Zeit Patina ansetzen. Sie bleiben aber so lange sichtbar, wie die Menschen innehalten, sie wertschätzen und pflegen.

Die Jakobsmuschel – Symbol und Schutzzeichen der Pilger

Das wichtigste Zeichen auf den Routen ist die Jakobsmuschel. Um die Entstehung dieses Symbols rankt sich eine Legende. So soll einst ein junger Adliger dem Schiff entgegen geritten sein, das gerade den Leichnam des Jakobus nach Spanien brachte. Doch das Pferd scheute und der junge Mann versank im Meer. Jakobus rettete ihm auf wundersame Weise das Leben. Als er das Ufer erreichte, war sein Körper von Muscheln bedeckt. So wurde die Jakobsmuschel zum Schutzzeichen – befestigt am Gehstock oder Gewand der Pilger.

Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst

Die Steine auf den Sternenwegen sind Abgüsse dieser Jakobsmuscheln. Seit 2006 werden sie von jungen Menschen, die nach Orientierung suchen, im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen gefertigt und auf freistehenden Pfeilern befestigt. An Zeugnissen mittelalterlicher Baukultur werden sie in den Boden eingelassen. Auch die Denkmäler wurden so geschmückt.  

Gleich einer Perlenkette säumen nun fast 200 Jakobsmuschelsteine den Wegesrand und zeigen so die Spur der mittelalterlichen Pilger. 

Darüber hinaus weisen in Stein gehauene Sterne vom pfälzischen Hornbach bis zum französischen Sarreguemines den Weg. Immer wieder kommt man an historisch anmutenden gepflasterten Flächen vorbei, in denen neu eingelassene Sterne im Sonnenlicht glänzen. Am Wegesrand erinnern Ornamente aus Feldsteinen an die Steinhauben mittelalterlicher Kirchtürme.

All diese Wegezeichen laden zur Spurensuche entlang der alten Wegerouten ein. „Wer sich darauf einlässt, der öffnet sich für unerwartete Begegnungen“, erklärt Regionalentwickler Peter Lupp.

„Man ist bereit, auch einmal abseits zu gehen, sich selbst Zeit zu lassen, still zu werden und wie die Steinmetze des Mittelalters fühlend zu sehen.“


Das Sternenweg-Projekt möchte den Zauber des achtsamen Gehens neu entfachen. Zugleich sollen hier Zukunftsvisionen entstehen: für eine lebendige und weltoffene Zivilgesellschaft, ein Europa der Toleranz, der Humanität, der Freiheit, der Demokratie und des Friedens. 

„Der grenzüberschreitende Projektraum des Sternenweges steht als Modellregion an einer der Nahtstellen Europas, an der sich die deutsche und französische Kultur begegnen“, so Lupp.

„Wer hier entlang pilgert, kann seine Seele erforschen: Wie lassen sich überkommene Begrenzungen und Strukturen überwinden? Was bedeutet das gute Leben im Europa der Gegenwart? Welche Werte wollen wir vertreten?“

Das Gelingen der Pilgerschaft im Mittelalter hing vor allem von der Barmherzigkeit der Menschen auf dem Weg ab. Fremden zu begegnen, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu helfen, ist immer noch ein integraler Bestandteil des Sich-Vorwärtsbewegens. Diese warme Menschlichkeit hat auch dem Projekt Sternenweg weit mehr Leben eingehaucht, als zunächst erträumt.

Nachhaltig, naturnah und spirituell

Schließlich zeigt das Sternenweg-Projekt, wie sich mit sozialem und bürgerschaftlichem Engagement selbst mit kleinem Budget ein stimmiges Netzwerk für einen naturnahen, nachhaltigen und spirituellen Tourismus aufbauen lässt. Inzwischen haben Landkreise, Städte und Kommunen, Landeskirchen, Kirchengemeinden, Klöster, Museen, Archive, die Ortsbevölkerung, die Jakobusgesellschaften und viele touristische Leistungsträger das Projekt unterstützt und wachsen lassen.

Inmitten dieses Naturraumes können Menschen zur Ruhe kommen und Kraft aus den spirituellen Erfahrungen ziehen, die sie unterwegs machen. 

Schon im Mittelalter diente die Pilgerschaft den Menschen als Weg der Erkenntnis. 

Doch die kommt eher, wenn man eben nicht starr und zielstrebig ein Ziel verfolgt, sondern sich gestattet, genau wie die Flüsse dieser Region auch einmal zu mäandern.

Autorin: Deborah Weinbuch

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