Japans heilige Höhen
Der Jogo ist zurück, von einem Abstecher ins Leben draußen. Jogo Shodo ist 74 Jahre alt und ihr Abt, wenn man so will, doch Klöster haben sie hier keine, Tempel viele. Er war auf einer Hochzeit in Kobe. Das zu vermählende Paar, berichtet er, wirkte glücklich – ja doch. Nun geht es weiter mit dem Tempelalltag, Morgenandachten, dem Empfang von Besuchern. Aber vorher will er noch einen Blick in den Garten werfen. Sind noch alle Karpfen im Teich? Lassen sie sich locken mit ein paar Sesamkrümeln? Schwimmen sie heran, wenn er sie ruft?
Ein wunderbarer Moment, ihm dabei zuzuschauen. Vor allem dann, wenn sich im eigenen Herzen die Verzweiflung anschleicht. Schon ein paar Tage hat man – Fremder, der man ist – in einem der Wohn-Tempel in Koya-san verlebt, hat den Buddhismus-Jargon diverser Mönche auf sich herniederregnen lassen, doch von Erleuchtung keine Spur.
Schweigen statt Schwafeln
Erst als sich der alte Herr gütig und friedlich an den Fischteich hockt, ahnt man, worum es gehen könnte. Irgendwie war vorher zu viel Rauschen und Plustern. Doch nun wird deutlich: Es geht um Sparsamkeit, Zurückhaltung, ums Schweigen statt Schwafeln.
„Immer wieder höre ich nur: ich, ich, ich.“
Seine Mönche, erzählt der Jogo Shodo später beim Tee – eine Menge davon sind aus Europa zu ihm gestoßen – würden noch zu oft um das eigene Ego kreisen, immer wieder höre er „ich, ich, ich“. Das ist den Japanern qua Staatsmaxime fremd. Sind sie demnach die besseren Buddhisten?
Ein Schweizer in Koya-San
Eine Frage, die man Kurt Kübli vorerst ersparen möchte. Er ist ein eifriger Mönch und schon seit gut zehn Jahren an Shodos Seite. Kübli (Mönchsname: Genso) ist dessen rechte Hand, Kontaktmann zu den Fremden, denn außer ihm spricht keiner wirklich Englisch. Ein Schweizer in Koya-san, Japans heiligem Ort, hoch oben in den Kii-Bergen, tief in der Präfektur Wakayama.
Allzu viele europäische Gesichter sind nicht zu erspähen im Strom der Wochenendbesucher, die nach Koya-san kommen. Oft sind es Pilger in typisch weißer Baumwollkluft, bewehrt mit einem Glöckchenstab, Basecaps und Turnschuhen. Diese Menschen entern einen Ort, der seit 2004 zum „Weltkulturerbe“ gehört, in dem verstreut in den Bergen 4000 Menschen leben, der 117 Tempel hat, und der einst vom Mönch Kukai vor 1200 Jahren auserkoren wurde – für seinen esoterischen Shingon-Buddhismus, der ihm auf einer Chinareise unterkam.
Kukai postum mit dem Namen „Kobo Daishi“ geehrt, ist den Japanern, was den Pilgern in Europa der Apostel Jakobus ist: ein Heiliger.
Doch noch bevor man das alles in Erfahrung bringt, findet man sich in Gensos netten Fängen wieder. Der schnappt einen, und los geht es, raus auf die Straße, stracks in Richtung des Friedhofs Okunoin. Schnell wird klar: Der Mann ist wohlgelitten hier. Genso pflegt den umstandslosen Umgang, wahlweise auch die freche Attitüde. Das kommt an. Salopp fischt er die Leute aus der Menge: Seht mal, der ist Pilgerführer hier, der ein zugezogener Wirt aus Frankreich, und das hier ist Freund Soundso, mit dem geht’s manchmal zu den heißen Quellen, japanisch: Onsen.
„ Ein Mönch nackig in öffentlichem Wasser? Klar, geht alles. Man ist ja auch verheiratet und der Buddhismus eher Philosophie denn gestrenge Religion."
Genso will die Sache so sehen: Manch einer macht aus seinem Leben einen Riesenzirkus, der andere eben Yoga. Da er bereits mit zwölf Jahren zum Yoga kam und mit Anfang 20 zur Ehe mit der Japanerin Mitsuko, mag es nur konsequent sein, ihn 43 Jahre später hier vorzufinden.
Düsternis und Mystik umfängt einen
Am Okunoin entgleitet Gensos verschlungene Lebensstory in ungehörte Sphären; dieser Friedhof haut einen einfach um. Umfängt einen mit Düsternis und mit Mystik und animiert die Fantasie. Mag es hier Kobolde und Geister geben? Moose und Flechten, Beeren und Farne wuchern und ranken schließlich auch, sie sind der Humus solcher Finsterlinge.
600 Jahre alte Zedern säumen den Hauptweg hin zu Kobo Daishis Mausoleum, ersehntes Ziel der Pilger. Stramm wandern sie, meist angeführt durch eine Hostess mit Brüllorgan und Orientierungsfähnchen, geradewegs zu ihrem Ziel. Doch gerade abseits des Pfades tut sich die wunderbare Vielfalt dieses Ortes auf. Grabmale in Pagodenform huldigen Buddha und den Toten, wachsen mal himmelhoch und sind mal katzenklein, stehen zu Tausenden in diesem Reich der Ewigkeit.
Wer herkommt, versorgt seine Toten mit allem, was sie im Leben liebten.
So schaffen es auch Zigarettenschachteln aufs Grab, Fruchtbonbons oder Café au lait in Dosen. Für den Kobo Daishi tragen täglich Mönche Essen zum Mausoleum. Die Asche von 200 000 Seelen beherbergt der Okunoin. Noch immer ist der Andrang groß, ganz in der Nähe Kobo Dai-shis Eingang in die Ewigkeit zu finden. Dichter und Denker liegen hier, Politiker und Geistliche, Schauspieler, Kriegsopfer, Würdenträger aller Art.
Die schnöde Weltlichkeit
Aus dem Okunoin zu entschlüpfen ist nicht einfach. Noch lange reibt man sich die Augen und ist beinah brüskiert, dass drum herum so was wie schnöde Weltlichkeit sein darf. Wäschespinnen mit Socken und Unterhosen, Topfpflanzenkulturen, Bettdecken zum Lüften, Ramschläden und Postfilialen. 4000 Menschen eben, Einwohner.
Und Mönche, die auf ihrem Klapprad radeln wie die Henker oder rauchend auf der Treppe ihres Tempels hocken.
„The Town of Koya“ wirkt so normal gewachsen, dass eine Tatsache sehr abstrus erscheint: Frauen durften hier erst Ende des Jahres 1872 rein.
Der Wohn-Tempel Muryoko-in, das Heim von Genso, ist ein Shingon-Tempel, mehr als 1000 Jahre alt. Wohn-Tempel heißen hier Shukubos, und es gibt viele. Unterschlüpfen kann jeder: Geistliche aus anderen Ländern, Pilger, Touristen, Suchende. 22 Zimmer gibt es, mit ausrollbaren Futons, nicht mehr ganz taufrisch, doch gemütlich. Wie viele Menschen darin schlafen können, ist nicht strikt geregelt.
Die Wege schlängeln sich in die Kii-Berge hinauf
Im Westen steht ein Daimon, ein Riesentor. Orange leuchtend protzt es in der Landschaft und bedeutet: Hier geht’s los mit heiligem Gelände. Und andererseits mit einer Landschaft, die es in sich hat. Hoch schlängeln sich die Wanderwege in die Kii-Berge. Hölzerne Wanderpfosten aus der Kukai-Zeit markieren die Richtigkeit des Pfades, und oben sind Stille und Nebel nur noch grenzenlos.
Morgenandacht gehört zum Tempelalltag
Kein Tempelalltag ohne Morgenandacht früh um sechs. Genso, meist schon seit vier Uhr zu Gange im Muryoko-in, weckt alle, die es wünschen.
Die Herde trappelt müde zum Gebetsraum, einem düster-verwunschenen Refugium, stellt die Schlappen ab und geht zu Boden.
Für Alte und Gebrechliche gibt es Stühle, aber nur ein paar. Schnell erhebt sich ein mitreißendes Procedere, die Mönche und der Jogo zur einen, ein singulärer Mönch zur anderen Seite, den Rücken zur Gemeinde. Die einen chanten und memorieren Mantras, der andere zelebriert „Goma“, das Feuerritual. Aufloderndes Feuer spickt er mit Kräutern und Gewürzen. Lorbeer und Kampfer kommen hinein, bald wabert dicker Qualm im ganzen Raum herum.
Mönche sind nicht perfekt
Und Genso? Der sagt im Anschluss, er habe hier erstmal lautstarkes Singen eingeführt. Stimmgewaltig übernimmt er Leitgesang und Zimbelschlagen, sein leichter Sprachfehler hält ihn dabei nicht zurück. Auch so ein Irrglaube der Westler, wie Genso sagt, die immer dächten, Mönche seien perfekt. „Das sind wir nicht“, gesteht er, „wir sind nur auf dem Weg.“
Autorin: Judka Strittmatter
In den Bergen liegen über einhundert Tempel
Allzu viele europäische Gesichter sind nicht zu erspähen im Strom der Wochenendbesucher, die nach Koya-san kommen. Oft sind es Pilger in typisch weißer Baumwollkluft, bewehrt mit einem Glöckchenstab, Basecaps und Turnschuhen.
Diese Menschen entern einen Ort, der seit 2004 zum Weltkulturerbe gehört, in dem verstreut in den Bergen 4000 Menschen leben, der 117 Tempel hat und der einst vom Mönch Kukai vor 1200 Jahren auserkoren wurde – für seinen esoterischen Shingon-Buddhismus, der ihm auf einer Chinareise unterkam.
Kukai, auch Kalligraph, Poet und Wissenschaftler, wurde postum mit dem Namen „Kobo Daishi“ geehrt. Er ist den Japanern, was den Pilgern in Europa der Apostel Jakobus ist: ein Heiliger.
Begegnung mit Genso
Doch noch bevor man das alles in Erfahrung bringt, findet man sich in Gensos netten Fängen wieder. Der schnappt einen – und los geht es! Raus auf die Straße, mitten in „The Town of Koya“, vorbei an Souvenir- und Soba-Nudel-Läden, an Wohnhäusern und Tempelpforten, stracks in Richtung des Friedhofs Okunoin.
„Reisen – es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler.“ – Ibn Battuta
Genso hat Zeit – für Europäer meistens; mit denen, meint er, entspönne sich zuverlässig eine Unterhaltung. Die Herrschaften stellten ihm Fragen ohne Ende. Von den Amerikanern höre er hingegen meist nur ein „How great“.
Ein mystischer Friedhof ist das Ziel
Auf der Straße wird schnell klar: Der Mann ist wohlgelitten hier. Genso pflegt den umstandslosen Umgang, wahlweise auch die freche Attitüde. Das kommt an.
Mönche im Onsen?
Salopp fischt er die Leute aus der Menge: Seht mal, der ist Pilgerführer hier, der ein zugezogener Wirt aus Frankreich, und das hier ist Freund Soundso, mit dem geht’s manchmal zu den heißen Quellen, japanisch: Onsen. Ein Mönch nackig in öffentlichem Wasser? Klar, geht alles, sagt Genso. Man ist ja auch verheiratet, und der Buddhismus sei eher Philosophie denn gestrenge Religion.
Genso will die Sache so sehen:
Manch einer macht aus seinem Leben einen Riesenzirkus, der andere eben Yoga.
Da er bereits mit zwölf Jahren zum Yoga kam und mit Anfang 20 zur Ehe mit der Japanerin Mitsuko, mag es nur konsequent sein, ihn 43 Jahre später hier vorzufinden. Getrennt von Bart und Revoluzzermatte, entsagt von materiellen Werten, nur noch gemeinsam mit Mitsuko, Beuys- und Fotobüchern und der Kirschblüte direkt vorm Kemenatenfenster.
Obwohl, ein bisschen Zirkus war da auch in Gensos Leben. Macht einer sonst Gasüberwachungsanlagen? Eine Zeit lang, mit dem Bruder, in der Schweiz?
Der Okunoin-Friedhof: Ein Ort der Ewigkeit
Am Okunoin entgleitet Gensos verschlungene Lebensstory in ungehörte Sphären – dieser Friedhof haut einen einfach um. Er umfängt einen mit Düsternis und Mystik und animiert die Fantasie. Mag es hier Kobolde und Geister geben? Moose und Flechten, Beeren und Farne wuchern und ranken schließlich auch – sie sind der Humus solcher Finsterlinge.
600 Jahre alte Zedern säumen den Hauptweg hin zu Kobo Daishis Mausoleum, ersehntes Ziel der Pilger. Stramm wandern sie, meist angeführt durch eine Hostess mit Brüllorgan und Orientierungsfähnchen, geradewegs zu ihrem Ziel – ohne nach links und rechts zu schauen. Doch gerade abseits des knapp zwei Kilometer langen Pfades tut sich die wunderbare Vielfalt dieses Ortes auf: Grabmale in Pagodenform huldigen Buddha und den Toten, wachsen mal himmelhoch und sind mal katzenklein, stehen zu Tausenden in diesem Reich der Ewigkeit.
Die einfallende Sonne bedient sich ihrer für bizarre Schattenspiele. Ein neues, glatt poliertes Mahnmal in Nachbarschaft zu einem Moosgrab – der Anblick ist selten.
Die Düsternis riecht nach Harz und Holz
Ein Friedhof voller Leben
Wer herkommt, versorgt seine Toten mit allem, was sie im Leben liebten. So schaffen es auch Zigarettenschachteln aufs Grab, Fruchtbonbons oder Café au lait in Dosen. Für den Kobo Daishi tragen täglich Mönche Essen zum Mausoleum. Und rote Lätzchen zieren Mini-Buddhas, tausendfach, Symbole für Kindstod oder Muttergram.
Wer einmal innehält im Wandern, dem steigt der harzig-holzige Duft von klein gehacktem Räucherwerk in die Nase, entzündet immer dort, wo Huldigung sich ballt.
Wo sich die Pilger ihre Stempel abholen. Jede erreichte Stätte ihres langen Weges: ein Signet. Tempelbedienstete mit Ärmelschonern attestieren ihnen das mit Rot gemaltem Zeichen.
Zum Trocknen liegt ein Föhn bereit.
200.000 Seelen und ein ungebrochener Andrang
Die Asche von 200.000 Seelen beherbergt der Okunoin.
„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen.“ – Albert Schweitzer
Noch immer ist der Andrang groß, ganz in der Nähe Kobo Daishis Eingang in die Ewigkeit zu finden.
Hier liegen:
- Dichter und Denker,
- Politiker und Geistliche,
- Schauspieler, Kriegsopfer, Würdenträger aller Art.
Am Rande und im Lichte wachsen dem Friedhof neue Ruhestätten zu, in der Mitte brütet veritables Dunkel. Ein Stück Schottisches Hochmoor, ein Stück versunkener Dschungel, und irgendwie ein Hauch von Angkor Wat, der Tempelanlage in Kambodscha, wie Genso meint.
Stadt und Friedhof wirken wie zwei Welten
Zurück in die Welt
Aus dem Okunoin zu entschlüpfen ist nicht einfach.
Noch lange reibt man sich die Augen und ist beinah brüskiert, dass drum herum so was wie schnöde Weltlichkeit sein darf. Wäschespinnen mit Socken und Unterhosen, Topfpflanzenkulturen, Bettdecken zum Lüften, Ramschläden und Postfilialen.
4000 Menschen eben. Einwohner. Und Mönche, die auf ihrem Klapprad radeln wie die Henker oder rauchend auf der Treppe ihres Tempels hocken.
Ein Ort voller Geschichte
„The Town of Koya“ wirkt so normal gewachsen, dass eine Tatsache sehr abstrus erscheint:
Frauen durften hier erst Ende des Jahres 1872 rein.
Der Wohn-Tempel Muryoko-in, das Heim von Genso, ist ein Shingon-Tempel, mehr als 1000 Jahre alt. Wohn-Tempel heißen hier Shukubos, und es gibt viele. Hier kann jeder unterschlüpfen: Geistliche aus anderen Ländern, Pilger, Touristen, Suchende.
Der Muryoko-in hat 22 Zimmer, mit ausrollbaren Futons – nicht mehr ganz taufrisch, doch gemütlich. Wie viele Menschen darin schlafen können? Das ist nicht strikt geregelt. Die Japaner nächtigen hier meist zu vielen auf engstem Raum. Der Name des Hauses bedeutet: „Grenzenloses Licht“. Im Haus herrscht – wie überall in Japan – Schlappenzwang.
Die Kost ist vegetarisch, Shojin-ryori:
- Kein Fleisch, kein Fisch.
- Stattdessen: Rettich und Bohnen, Reisbällchen und Kimchi, Seetang und Sojabohnenküchlein.
- Dazu: Sake und Asahi-Bier nach Wahl.
Das Haus hat Märchenschlosscharme, Kindheits- und Ferienlagerwinkel: Geheime Räume, Endlos-Gänge, Knarrende Böden, Ausdünstende Pissoirs. Und an der eigenen Schiebewand hört man schon früh um sechs das Trampeln einquartierter Pilgergruppen. Legen Japaner nicht Wert auf eleganten Gang?
Täglich tönt die große Glocke über die Häuser
Ein Mönch, ein Hund und der Alltag
Seit Genso in Betreuungsfragen unterwegs ist, hat er nur noch wenig Zeit für Birei, den Golden Retriever und Haushund.
Früher stiegen beide hoch hinauf in die Berge. Der eine übte sich im Schweigen, der andere im Mäusejagen. Genso floh aus seinem Mönchszimmer ohne Ofen hierher unter die Heizstrahler der Sonne. Birei war einfach nur froh, bei ihm zu sein.
Der Hund stibitzt sich Liebe bei den Gästen des Muryoko-in.
Der Wohn-Tempel ist tagsüber meistens menschenleer. Die Gäste sind ausgeströmt in alle Winkel Koya-sans: Zum Haupttempel Kongobuji, dem Headquarter des Shingon-Buddhismus.
Zum Garan, dem Sammelplatz kulturhistorisch großer Häuser:
- Daito (große Stupa),
- Kondo (Goldene Halle),
- Mie-do (Gedenkhalle).
Mit großer Wucht stößt einer der Mönche täglich die Garan-Glocke an – zu verschiedenen Stunden, 108 Mal.
„Der warm tönende, sirrende Gong des Bronze-Ungetüms vibriert bis in die Eingeweide – es ist ein Wohlgefühl.“
Nach Westen hin begrenzt der Daimon den Garan – ein Riesentor. Orange leuchtend protzt es in der Landschaft. Es bedeutet: Hier beginnt das heilige Gelände. Und andererseits: Hier beginnt eine Landschaft, die es in sich hat.
Wege ins Nichts
Hoch schlängeln sich die Wanderwege in die Kii-Berge. Hölzerne Wanderpfosten aus der Kukai-Zeit markieren den Pfad. Oben sind Stille und Nebel grenzenlos.
Meditation scheint möglich – doch auch hier schleicht sich die viel zitierte Mücke ein, die alles Loslassen zunichte macht. In diesem Fall ist sie das Knattern eines Motorrads, das hochschwappt vom Tal in Richtung Gipfel.
Beim Morgengebet lodert ein Feuer auf
Wie wunderbar muss diese Welt im Winter sein, verschluckt von tiefem Schnee. Oder zur Kirschblüte, millionenfach betupft mit rosa und weißen Flecken. Und dann noch der Herbst, die Laubverfärbung - kann Koya-san auch hässlich sein?
Alles hier ist filigran und eine Nummer kleiner als bei uns: Menschen, Tortenstücke, sogar die Ahornblätter.
Kein Tempelalltag ohne Morgenandacht früh um sechs. Genso, meist schon seit vier Uhr zu Gange im Muryoko-in, weckt alle, die es wünschen. Müde trappelt die Herde zum Gebetsraum, einem düster-verwunschenen Refugium, stellt die Schlappen ab und geht zu Boden.
Für Alte und Gebrechliche gibt es ein paar Stühle, aber nicht viele. Schnell erhebt sich ein mitreißendes Ritual: Die Mönche und der Jogo auf der einen Seite, ein singulärer Mönch auf der anderen, den Rücken zur Gemeinde. Die einen chanten und memorieren Mantras, der andere zelebriert das Feuerritual „Goma“. „Beim Morgengebet lodert ein Feuer auf.“
Kräuter und Gewürze wie Lorbeer und Kampfer werden ins Feuer geworfen, bald wabert dicker Qualm durch den Raum. Genso hat hier das laute Singen eingeführt. „Vorher war nur Gesäusel – nicht das Wahre“, sagt er. Stimmgewaltig übernimmt er den Leitgesang und das Zimbelschlagen, sein leichter Sprachfehler hält ihn dabei nicht zurück.
Ein Irrglaube der Westler, meint Genso, sei die Vorstellung, dass Mönche perfekt sind.
„Das sind wir nicht“, gesteht er, „wir sind nur auf dem Weg.“