Winter auf dem Jakobsweg
Einen Moment lang den eigenen Atem anhalten, weil selbst der irgendwie störend wirkt in dieser Winterlandschaft. Der Morgen ist noch jung, das frische Weiß der letzten Nacht hat sich sanft auf Wiesen und Wälder, Hausgiebel und Straßen gelegt. Die Weidezaunpfosten tragen kleine Zipfelmützen aus Schnee.
„Eine Welt, wie in Watte verpackt.“
Die ersten Schritte noch zögerlich. Es knarzt unter den Füßen, wenn die dicken Wanderstiefel ihre Profilspuren im Weiß hinterlassen. Hinaus geht es aus dem Dorf, weiter gen Süden, weiter in die Berge, immer den Schildern mit der gelben Muschel auf blauem Grund nach.
Pilgern vor der Haustür
Pilgern macht auch im Winter Spaß und ist eine tolle Möglichkeit die heimischen Pilgerwege zu erkunden, zum Beispiel den Jakobsweg mit dem etwas sperrigen Namen „Isar – Loisach – Leutascher Ache – Inn“. In zwölf Etappen verbindet er den Münchner, den Südostbayerischen und den Tiroler Jakobsweg (geübte Wanderer können auch mehrere Etappen zusammenlegen). Seit seiner Eröffnung 2010 schließt er so eine Lücke und bringt Wanderer auf herrlichen Pfaden von Bayern aus nach Tirol.
Ein besonderes Erlebnis ist es, sich im Winter auf den Weg zu machen.
„Warum willst Du Dir das antun“, fragen Freunde und Familie. „Es ist eiskalt draußen, wird früh dunkel und in den Bergen ist alles voller Schnee.“
Tatsächlich ist der Winter eher die Jahreszeit für kuschelige Abende vor dem Kamin, für ausgiebige Leseeinheiten und Plätzchenbacken. Wir verkrümeln uns nach drinnen und läuten damit auch eine Zeit der inneren Einkehr ein. Aber warum soll das nur in den heimischen Wänden gelingen? Warum nicht hinausgehen in die Natur, mit ihr gemeinsam zur Ruhe kommen, in der Monotonie des Gehens und des Wanderalltags entspannen? Ist das nicht auch bei 11 Grad minus und Schnee möglich?
Ein geheimes Versteck für Ruhesuchende
Schon bald werden die Häuser von Walchensee kleiner. Nur die Rauchwölkchen, die sich aus den Schornsteinen in den Winterhimmel schrauben, sind noch sichtbar. Der Weg führt auf die Halbinsel Zwergern am Westufer des Sees. Vorbei am Klösterl St. Anna und zwei Höfen.
An den Fenstern haben sich Eisblumen gebildet. Ein älterer Mann mit dickem Trachtenjanker tritt vor die Tür, Atemwolken steigen empor.
Ein freundliches „Griaß di“, ein Kopfnicken, schon verschwindet er mit den dicken Holzscheiten wieder in seine warme Stube.
Kaum sichtbar führt wenig später eine Trittspur über die weißen Wiesen zur kleinen Kapelle St. Margaret. Ein Abstecher, der sich lohnt. 1344 erbaut, wurde sie 1807 im Rahmen der Säkularisation als „entbehrlich“ betrachtet und an die Zwerger Bauern verkauft. Über dieses Urteil schüttelt heute den Kopf, wer in der winzigen Kapelle auf den Holzbänken sitzt, die einst das Kirchendach waren, und einen Moment innehält.
Schon im Sommer kommt hier kaum jemand vorbei. Jetzt, im Winter, wirkt der Ort wie ein geheimes Versteck für Ruhesuchende. Gleich hinter der Kapelle breitet sich vor gigantischem Panorama der Walchensee aus. An den Ufern ist er leicht zugefroren. In der Mitte des Sees, der bis zu 190 Meter tief ist, spiegeln sich Herzogstand und Jochberg im türkis-blauen Wasser.
Das Wasser begleitet die Pilgernden
Der Walchensee ist einer von zwei Gebirgsseen, die am Jakobsweg auf seiner Route nach Tirol liegen. Der andere ist der Kochelsee, den man am Tag zuvor passiert.
Ein Wasserkraftwerk, das auch besichtigt werden kann, verbindet die beiden Seen miteinander. Neben den Bergen ist es ständiger Begleiter auf diesem Weg. Gleich am ersten Tag treffen die Pilger kurz nach dem Start am Kloster Schäftlarn auf die Isar, die vom Karwendel kommend über fast 300 Kilometer bis zur Donau fließt.
„Der plätschernde Fluss ist quasi ein erster Gruß aus den Bergen.“
Im Sommer eine willkommene Erfrischung für geschundene Wanderfüße, beglückt die Isar im Winter eher das Auge. Das dafür aber voller Hingabe! Besonders im Naturschutzgebiet Pupplinger Au prahlt die Isar mit ihrer Schönheit, windet sich entlang breiter Kieselinseln, an deren Rand sich die weiß gezuckerten Wälder anschließen. Auf der siebten Etappe bei Wallgau, kommen Wanderer ihr nochmal ganz nah.
Im Angesicht der Berge darf man sich klein fühlen
Was den Jakobsweg „Isar – Loisach – Leutascher Ache – Inn“ aber besonders reizvoll macht, sind die Begegnungen mit den Bergen. Schon tagelang sind sie mit ihren tief verschneiten Flanken sichtbar. Je weiter nach Süden der Weg führt, umso näher rücken die Felsriesen. Besonders eindrucksvoll wird’s ab Wallgau, wenn Karwendel- und Wettersteingebirge erreicht werden.
„Das Schöne an diesem Weg: Er eröffnet nicht nur Alpinisten die Bergwelt, sondern auch Flachlandtirolern.“
Die Etappen sind mit maximal 15,8 Kilometern und fünfeinhalb Stunden Gehzeit moderat. Der Weg führt die meiste Zeit durch die Täler und über Wege, die eben auch im Winter gut zugänglich sind.
Dennoch sollten sich Wanderer immer vor Ort über die aktuellen Bedingungen erkundigen.
Doch wenn alles passt, wenn die Sonne die Schneekristalle zum Funkeln bringt, wenn die klare und trockene Bergluft die Lungen flutet und die Uhren etwas langsamer zu ticken scheinen, dann gibt es kaum etwas Schöneres, als eine Winterwanderung durch die Bergwelt.
Kleine Wunder unterwegs
Die Sinne kommen zur Ruhe. Beim Anblick dieses alten Gesteins, das schon so lange vor uns da war und noch lange nach uns sein wird, relativieren sich Alltagsprobleme ziemlich schnell. Ganz ungeniert darf man sich neben diesen Riesen klein fühlen.
Und auch wenn alles tief verschneit ist und wie stillgelegt wirkt, für jene, die mit offenen Augen unterwegs sind, gibt es auch zu dieser Jahreszeit viel zu entdecken: Denn während die Murmeltiere sich in den höheren Lagen tief unter der Erde in den Winterschlaf verabschiedet haben, zeigen die Spuren von Gams, Hase und Co., dass auch im Winter einiges los ist.
„Der kindliche Entdeckermodus ist aktiviert …“
…und irgendwann, wenn scheinbar niemand hinschaut, darf man sich beim Winterwandern auf einer Wiese wieder wie ein Kleinkind fühlen, sich einfach hintenüber in den watteweichen Schnee fallen lassen, wild mit den Armen wackeln und einen „Engel“ hinterlassen.
Beim Geigenbauer in Mittenwald
Etwas kultureller geht es in Mittenwald zu. Die prächtigen Häuser tragen stolz ihre Lüftlmalereien, für die der Ort berühmt ist. Wie aufklappbare Bilderbücher säumen sie die Fassaden. Viele der farbenprächtigen Malereien stammen aus dem 18. Jahrhundert und erzählen faszinierende Geschichten. Bei einer Stadtführung kann man sich die Kunstwerke genauer erklären lassen.
Eine wichtige Rolle spielt in Mittenwald das Holz. Einst lieferte es die Grundlage für die auf der Isar betriebene Flößerei. Seit 1684 wurde Holz in Mittenwald auch noch für etwas anderes verwendet: für den Geigenbau.
„Matthias Klotz soll das Handwerk aus Italien mit in seine bayerische Heimat gebracht haben.“
200 Jahre später wurde die Geigenbauschule gegründet, zu der noch heute Schüler aus aller Welt kommen, um das Handwerk zu lernen.
Ein Dutzend Geigenbaumeister sind im Ort tätig. Ihre Werke sind international begehrt. Eine Tradition, die sich hören lassen kann. Somit ist nicht nur ein Besuch der prächtigen Kirche St. Peter und Paul mit ihrem bemalten Kirchturm ein Muss, sondern auch ein Abstecher ins Geigenbaumuseum.
Auf der Suche nach Kobolden und Klammgeistern
Am nächsten Tag geht es durch die Leutascher Geisterklamm, eine bis zu 75 Meter enge Schlucht, hinüber nach Tirol. Nach einer Sage hausen hier ein Klammgeist und Kobolde tief zwischen den Felsspalten. Im malerischen Leutaschtal werden die Augen noch einmal ganz weit vor Erstaunen.
Das Hochtal, das sich südlich des Wettersteingebirges erstreckt, ist umgeben von den markanten Gipfeln von Hohe Munde, Arnspitzen und Dreitorspitzen.Wer noch Zeit und genügend Kraft in den Waden hat, findet hier das perfekte Langlaufgebiet mit knapp 280 Kilometern gespurten Loipen.
Ausblick auf das Inntal
Etwas tiefer im Tal liegt der kleine Ort Obern. In der Kapelle, an der der Weg vorbei führt, wird jeden Abend zum Ave geläutet. Diese Tradition halten die neun Hofbesitzer seit über 140 Jahren aufrecht. Besinnlich wird es auch bei der Friedensglocke in Mösern. Sie läutet jeden Tag um 17 Uhr. Zudem hat man von hier oben einen schönen Ausblick auf das Inntal.
In Mötz schließlich neigt sich die Reise dem Ende zu. Passend dazu zeigt sich der Winter von seiner ungemütlichen Seite. Der Wind frischt auf, es beginnt stark zu schneien. In Sekunden sind die eigenen Spuren im Schnee wieder verschwunden.
„Eine winterliche Erinnerung an den Kreislauf des Entstehens und Vergehens.“
Und bei einem heißen Kakao im warmen Gasthaus werden später am Abend bereits Pläne für die nächste Winter-Wanderung geschmiedet …
Autorin: Nina Ruhland