Die Seele der Kranken berühren
Weil sie ihne aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab.
Markus 2,4
Hätten Wadenwickel auch gereicht?
Von Jesus gibt es mehrere Heilungsgeschichten: Ein Mann mit Lepra ist dabei, eine Frau mit Blutfluss, mehrere Hauterkrankungen, Blinde können wieder sehen, Gehörlose wieder hören. In einer weniger bekannten Geschichte heilt Jesus die Schwiegermutter von Petrus, er lässt ihr Fieber verschwinden.
Nun wüsste der Mediziner in mir natürlich gerne, wie hoch das Fieber war, wie lange es schon bestand und ob es nicht auch ohne Jesus weggegangen wäre. Hätten Wadenwickel eventuell auch gereicht? Oder Globuli? Oder geht es vielleicht um etwas ganz anderes?
Sie steigen Jesus aufs Dach
Meine Lieblingsbibelstelle aber findet sich im Markusevangelium. Da wird erzählt, dass Jesus in Kapernaum in einem Haus predigt und so viele zuhören wollen, dass kein Platz mehr ist, auch nicht draußen vor der Tür. Ein Gelähmter wird von vier anderen auf einem Bett angeschleppt. Als diese sehen, dass sie ihn nicht zu Jesus bringen können, steigen sie Jesus buchstäblich aufs Dach. Sie machen ein Loch ins Gebälk und lassen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte liegt.
Als nun Jesus ihren Glauben sieht, spricht er zu dem Gelähmten:
„Deine Sünden sind dir vergeben!“
Die Schriftgelehrten – die Aufsichtsbehörde der Zeit – finden das anmaßend. Sünden vergeben kann nur Gott! Doch genau diesen Anspruch erhebt Jesus, und zum Zeichen dafür setzt er noch einen drauf: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“
Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.
Warum hat Jesus kein Krankenhaus eröffnet?
Wenn Jesus die Gabe hatte, Menschen zu heilen, warum hat er dann kein Krankenhaus eröffnet und das von morgens bis abends gemacht? Er wusste, was er kann, hielt es aber offenbar für sinnvoller, in der ambulanten Versorgung zu bleiben.
Unabhängig davon, ob man die Geschichte genauso glaubt, steckt für mich viel Zündstoff in ihrem Kern. Allein die Hartnäckigkeit der Freunde, sich durch das Dach Zugang zum Heiler zu verschaffen, erkennt Jesus an. Wer krank ist, soll nicht allein sein, braucht sozialen Halt, Menschen, die mit einem durch dick und dünn und sogar durch Dächer gehen.
Mit Worten die Seele berühren
Aber als alle Platz machen, damit der Meister nun endlich das Wunder vollbringt – da passiert erst mal nichts Sichtbares.
Es passiert nicht Sichtbares. Nur Gerede
„Deine Sünden sind dir vergeben”. Mit Worten die Seele des Kranken zu berühren, war Jesus offenbar wichtiger, als sich auf die Symptome zu stürzen. Die Lähmung zu heilen, ist die Zugabe. Der Meister fragt nicht: „Wie ist das mit der Lähmung passiert, wer ist schuld, und wie bist du überhaupt krankenversichert?“
Er spricht einen Satz, der Kranke steht auf und geht mit seinem Bett nach Hause. Ich stell mir manchmal vor, wie das heute wäre – wenn ein Patient sich in der Psychoanalyse auf die Couch legte und nach einem Satz des Therapeuten sich die Couch schnappte, aufstünde und ginge. Da würde der aber gucken. Vor allem, wenn die 50 Minuten noch nicht rum sind.
Mit sich und der Welt ins Reine kommen
Was ich an dieser Bibelstelle so spannend und bis heute bedenkenswert finde?
Bei den Heilungswundern Jesu steht nicht das Verschwinden einer Krankheit im Mittelpunkt, sondern die Heilung besteht vor allem darin, dass man sich mit Gott und dem Nächsten versöhnt, heute würde man vielleicht sagen: mit sich und der Welt ins Reine kommt.
Akzeptieren können, was ist. Ablassen von der Erwartung, dass wir alle unversehrt 100 Jahre alt werden können und darauf irgendwie ein Anrecht hätten. Und den Wert eines Menschen nicht an dem Zustand seines Körpers ermessen, sondern an etwas, das größer ist, vielleicht sogar unermesslich.
Alte, Kranke, Gebrechliche und Schwache nicht aufzugeben, sondern sich um sie zu kümmern, ist die positive Seite der abendländischen humanistischen Haltung, die in dieser Ausprägung vielen anderen Kulturen fremd war.
Klar wurde im Namen des Herrn auch jede Menge Schreckliches begangen, und die Abgründe jeder fundamentalistischen Glaubensüberzeugung möchte ich nicht beschönigen, dazu sind sie bis heute viel zu präsent. Aber ich sehe auch, dass wir ärmer dran wären ohne Menschen, die sich aufgrund ihres Glaubens und ihres Menschenbildes für andere engagieren, sowohl ehrenamtlich als auch professionell.
Ist alles ein Wunder?
Der Mann in Kapernaum stand auf, nahm sein Bett und ging, und die Menschen sagten: Wir haben so etwas noch nie gesehen. Von Albert Einstein stammt der Ausspruch:
„Es gibt nur zwei Arten zu leben. Entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder.“
Entscheiden Sie selbst.
Autor: Eckart von Hirschhausen