Dem anderen mit Verständnis begegnen
Als sie nun fortfuhren ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Johannes 8,7
Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein
Es fällt leicht, zu sagen: Unsere Gesellschaft, in unserem Teil der Welt, steinigt niemanden mehr. Und selbst wenn dies noch der Fall wäre, würde ich nie einen Stein in die Hand nehmen. Es fällt leicht – wenn man den Satz nur wörtlich begreift, statt metaphorisch.
Das Bild von Stein und Steinigung stammt aus einer Epoche, in der Gesetzesbrecher nicht nur von ausgewählten Henkern hingerichtet, sondern von der Meute Mensch gesteinigt wurden. Doch übersetzt in seine tiefere Bedeutung, ist dieser Satz zu einem Eckpunkt meines Denkens und Handelns geworden. Er zwingt mich, wenigstens zu versuchen, das zu sein, was heute oft verächtlich als Gutmensch bezeichnet wird, vor allem dort, wo man tolerantes Denken als Schwäche empfindet.
Nun sind es heute in unserem Teil der Welt ohnehin nicht Steine, sondern Worte, welche zum Stein einzelner, insbesondere aber von Meuten geworden sind, die sich im Kreise Gleichgesinnter jeglichen Gegenargumenten verschließen oder vielfach unter Pseudonym in sozialen Medien verstecken.
Das Grundprinzip ähnelt durchaus dem der Vergangenheit – damals, als auch kein Beteiligter wusste, ob es sein Stein war, an dem der oder die Gesteinigte letztendlich verstarb.
Leicht fällt mir dieser Versuch nicht, im Gegenteil. Es kann ungeheuer schwer sein, nicht selbst zum metaphorischen Stein zu greifen, zumal ich doch aus eigener Erfahrung weiß, dass viele Menschen Produkte ihrer Umgebung, ihrer Kindheit, der Werbung oder des Einflusses charismatisch auf sie wirkender Menschen sind.
Überdies fordert das Leid anderer zur Empörung geradezu heraus. Es verschafft unendliche emotionale Erleichterung, jemandem nicht nur für das Elend Schuld geben, sondern diese Person oder diese Personen hassen zu können.
Wie ich in meinen Romanen mit Bösewichten umgehe
Als Autorin gebe ich mir gerade deshalb sehr viel Mühe, wenn echte oder vermeintliche Bösewichte in meinem Romankonzept vorkommen, ihren Handlungsweisen auch aus ihrer vielleicht gestörten Persönlichkeit und ihrem Umfeld heraus gerecht zu werden.
Schwierig, sehr schwierig, denn die meisten dieser Leute lerne ich, wenn sie noch leben, häufig nur über Schlagzeilen kennen. Wenn sie historisch sind, dann aus der subjektiven Betrachtung von Leuten, welche sich nur ganz selten die Aufgabe vornehmen, einen Menschen komplett darzustellen, und meist ihrerseits mit ihren Schilderungen Anliegen verfolgen, teils eigene, teils die ihrer Auftraggeber.
Überdies sind wir alle, ob Historiker oder Dichter, Kinder unserer Zeit.
Bewertungen im Wandel der Zeit
Nur zwei Beispiele:
- Ein Goethe-Biograph aus dem 19. Jahrhundert bewertet Goethes langjährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Christiane Vulpius ganz anders als eine Biographin oder ein Biograph unserer Gegenwart, nicht, weil so viele neue Fakten vorlägen, sondern, weil unsere Einstellung zu nicht ehelichen Verhältnissen, Machtdifferenzen und weiblicher Sexualität inzwischen eine andere geworden ist.
- Umgekehrt sieht die Mehrzahl der Menschen unserer Gesellschaft heute, gerade durch die bittere historische Erfahrung des letzten Jahrhunderts, in erfolgreichen Angriffskriegen nichts Heroisches mehr, und hat gelernt, die Todesstrafe zu verdammen. (Hier schließe ich mich ausdrücklich ein.)
Schreibt man jedoch über eine Gesellschaft, in der das Kriegerdasein die Norm, erfolgreiche Feldzüge das wichtigste Merkmal eines Herrschers und die Todesstrafe selbst für aus unserer Perspektive geringfügige Vergehen selbstverständlich war, wie ich es in meinem Roman Manduchai getan habe, dessen Titelfigur eine mongolische Herrscherin des 15. Jahrhunderts ist, dann ist es unmöglich, nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die meisten ihrer Zeitgenossen glaubwürdig und dreidimensional zugleich zu schildern, wenn man sie an den ethischen Maßstäben unserer Gegenwart misst.
Die Chance für traumatisierte Kinder
Um in diese Gegenwart zurückzukehren: Ich weiß durch meine Tätigkeit bei unserem Kinderhilfeverein, Brot und Bücher e.V., dass, Kinder, die geschlagen wurden, dazu neigen, später auch zu schlagen. Und solche, die missbraucht wurden, selbst wenn sie eine Therapie durchlaufen haben, häufig Missbrauch weiter anregen oder gar selbst missbrauchen.
Sind aber Kinder mit diesen Erfahrungen verantwortlich für das, was sie tun, was sie geworden sind? Trauma ist nach einem zeitlichen Verlauf von bereits sechs Monaten nahezu immer unheilbar. Hatten Menschen eine wirkliche Chance, vom Gefühl oder Verstand her das, was die übrige Gesellschaft als richtig oder falsch versteht, zu verinnerlichen? Haben traumatisierte Kinder später eine echte Chance auf ein Leben in Würde, wenn selbst Richter, wie in Freiburg geschehen, sie ihren Peinigern auslieferten?
Und, was am meisten verstört:
Habe ich selbst eigentlich immer gehandelt, oder ebenfalls weggeschaut?
Jeder, der in einem Wohnblock voller Familien lebt, hört früher oder später Kinder weinen. Aber wie unterscheidet man als Außenstehender das Weinen wegen eines aufgeschlagenen Knies oder eines verweigerten Spielzeugs von Tränen, die durch Gewalt entstanden sind?
Ohne Schuld zu sein, ist eine Illusion
Die Zeit, die Medien, die Freunde um uns herum lehren uns Tag für Tag: Die anderen sind immer die Bösen, wir die Guten. Verantwortlich für die Misere, die unsere Empörung erregt, sind niemals wir selbst. So hinterfragen wir meist nicht mehr, ob wir ohne Sünde sind.
„Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Johannes-Evangelium)
Bevor du einen Stein wirfst
Da aber kaum jemand auf der Welt ohne Sünde ist, muss das Fazit aus diesem Satz eben heißen:
Bevor du überlegst, einen Stein, ein Wort zu werfen, habe Respekt vor jedem Lebewesen, und versuche erst dessen Handlungen und Motivation zu verstehen. Danach hast du durchaus das Recht, sein Vorgehen zu kritisieren, aufzuhalten, vor allem, wenn du glaubst, dass es Dritten schadet, oder schlicht und einfach Gegenargumente zu bringen, aber kein Recht, ihm oder ihr das Menschsein an sich abzusprechen.
Lieber Gott, gebe mir Kraft so zu denken, wenn ich gezwungen bin, mich demnächst wieder mit den Aussagen des Präsidenten eines großen Landes zu beschäftigen...
Autorin: Tanja Kinkel