Anselm Grün: Wofür wir dankbar sein dürfen
Für den römischen Philosophen Cicero gehört die Dankbarkeit zum Wesen des Menschen. Undankbarkeit ist für ihn ein Verstoß gegen die Menschlichkeit, gegen die „humanitas“. Die deutsche Sprache hat ein ähnliches Verständnis von Dankbarkeit. Denn danken kommt von denken. Wer richtig denkt, der ist auch dankbar.
Es gibt vieles, für das wir dankbar sein können, wenn wir richtig danken.
Ich bin dankbar, wenn ich morgens gesund aufstehe, wenn ich den neuen Tag als Chance sehe, meine Lebensspur in diese Welt einzugraben. Ich bin dankbar für den freundlichen Blick der Verkäuferin, für das gute Gespräch mit dem Freund. Ich bin dankbar für die Arbeit, die mir gelungen ist. Und ich bin dankbar für die Schönheit der Natur, die ich erleben darf.
Dankbarkeit macht glücklich
David Steindl-Rast, ein österreichischer Benediktiner, sagte einmal:
„Ich bin nicht dankbar, weil ich glücklich bin. Sondern ich bin glücklich, weil ich dankbar bin. Die Dankbarkeit verwandelt mein Gefühl."
Albert Schweitzer hat das ähnlich gesehen. „Wenn es dir nicht so gut geht, dann suche etwas, wofür du dankbar sein kannst." Und ich kann immer etwas finden, wofür ich dankbar sein kann. Gerade auch auf meinem Pilgerweg bin ich dankbar, dass meine Füße mich tragen. Ich bin dankbar für den äußeren und inneren Weg, den ich gehe, auf dem ich immer mehr hineingehe in meine wahre Gestalt. Ich bin dankbar, dass der Weg mich von allem inneren Ballast befreit, den ich in meiner Seele mit mir herumschleppe.
Danken kommt von denken. Wer richtig denkt, der ist auch dankbar.
Für mich gehört zu meinem Abendritual, dass ich am Abend meine Hände in Form der Schale Gott hinhalte. Ich grüble nicht darüber nach, was ich hätte anders machen sollen. Ich halte den Tag Gott hin, voller Vertrauen, dass er alles, was war, in Segen verwandelt. Dann kann ich dankbar sein für jede Erfahrung, die ich gemacht habe. Viele Menschen können den Tag nicht loslassen, weil sie vor lauter „hätte ich doch“ oder „wäre ich doch“ nicht zur Ruhe kommen. Wenn ich dankbar auf den vergangenen Tag schaue, kann ich ihn mit innerem Frieden in Gottes Hände hinein loslassen.
Dankbar den Tag beschließen
Wenn ich in meine Hände schaue, bin ich nicht nur dankbar für die Erlebnisse dieses Tages, sondern auch für die Gaben und Fähigkeiten, die Gott mir in die Hand gelegt hat. Dem einen hat er Kraft in die Hand gelegt, dem anderen Klarheit, Kreativität, Zärtlichkeit. Eine Frau ist dankbar für die Gabe, anderen Geborgenheit zu vermitteln, sie aufzurichten und zu ermutigen. Eine andere Frau ist dankbar für die Gabe, etwas schön zu machen, anderen das Leben zu verschönern.
Ein Mann ist dankbar für die Gabe, etwas anzupacken, auf den Weg zu bringen, etwas zu organisieren. Männer und Frauen sind dankbar für die Gabe, einen Weg zu weisen, andere zu leiten, anderen vorauszugehen und ihnen auf ihrem Weg Vertrauen und Zuversicht zu vermitteln.
Wenn ich dankbar meinen Tag beschließe, dann kann ich mich mit innerem Frieden und einem guten Gefühl im Schlaf in Gottes gute Hände fallen lassen.